Gebet an der Grenze swap_horiz

Verletzung Verstehen

Diese Frage ist seelsorgerlich, neurologisch und psychologisch begründet. Wer in seiner Kindheit und Jugend tragfähige Beziehungserfahrungen machen durfte, trägt in sich eine Art inneres Beziehungsbild – ein sogenanntes Introjekt. Man kann es sich vorstellen wie eine innere Stimme oder Gestalt, die in Momenten der Angst, der Überforderung oder des Schmerzes wachgerufen wird und Beruhigung herbeiführen kann.

Neurowissenschaftlich betrachtet, sind mit dem Vorgang sensorische Areale verknüpft, in denen szenisches Erleben abgespeichert ist. Diese und andere Areale signalisieren dem Menschen, wem man vertrauen kann und wem nicht. Der Vorgang ist komplex; doch diese verkürzte Beschreibung genügt, um etwas Spezifisches für menschliches Vertrauen zu verdeutlichen: Vertrauen gründet sich (u.a.) auf der hirnorganischen Fähigkeit, in herausfordernden Situationen dem Leben und den eigenen Bewältigungsmöglichkeiten zu vertrauen, weil da innere Andere sind, die helfen, im Augenblick hohen Stresserlebens aktiv, kreativ und lebendig zu bleiben.

Ganz anders verhält es sich bei Menschen, die traumatisiert wurden oder in ihren Beziehungen tiefe Enttäuschungen erlebt haben. Ihnen fehlen diese inneren Bilder verlässlicher Nähe. Geraten sie in Stress, finden sie in sich keine gespeicherten Erfahrungen, die beruhigend wirken. Sie erleben das Gegenteil: eine Leere, die oft mit dem Gefühl des Alleinseins verbunden ist. In Momenten, in denen sie dringend eine regulierende, tröstende Beziehung gebraucht hätten, wurden sie im Stich gelassen, nicht verstanden oder zurückgewiesen. Die Folge ist ein Mangel an Vertrauen – zuerst in Menschen und dann in Gott.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die entscheidende seelsorgerliche Frage: Wie können Menschen, deren Vertrauen zerbrochen wurde, neu vertrauen lernen? Wie können sie zu einem Gebet finden, das ihnen hilft, ihre Lebenssituation mutig zu tragen?

Gebet als Erfahrung

Die Antwort ist einfach und schwierig. Einfach, weil es auf der Hand liegt: Menschen, die vor einer existentiellen Grenze stehen und das Gefühl des Alleinseins in sich tragen, müssen das Gebet als Erfahrung einer Beziehung mit Gott erleben. Schwierig, weil eine solche Form des Gebets von der üblichen Glaubenspraxis abweicht. Denn wenn wir beten, dann doch meist so: Wir bestürmen Gott, bitten ihn um Abwendung von Not oder um Befreiung von Angst. In dieser Art des Gebets liegt die Aktivität auf unserer Seite: Wir sind die Bittenden, wir sprechen zu Gott.

Gebet als Zuwendung

Beziehung aber, die Vertrauen formt, folgt einer anderen Dynamik. Sie entsteht dort, wo der Mensch nicht spricht, sondern angesprochen wird. Wo er nicht ruft, sondern gehört wird. Wo er nicht schon etwas tut, sondern empfängt. Beziehung, die sich als regulierende Kraft in die Tiefe unseres Erlebens einschreibt, entsteht durch Zuwendung – durch den Blick, der sieht, und das Ohr, das hört. Es ist die Erfahrung, gesehen zu sein: der Blick des Vaters, der mich in meiner Not wahrnimmt; die sensible Aufmerksamkeit der Mutter, die mich in meinen Ängsten, meinem Zweifel, meiner Hilflosigkeit sieht. In der Mitte dieses Gebets steht also nicht das Tun des Menschen, sondern die Erfahrung einer personalen Gegenwart, die sich mir zuwendet. Wie aber kann ein Mensch, in dessen Seele sich das Misstrauen gegenüber Beziehungen eingebrannt hat, eine solche sensible Zuwendung Gottes im Gebet erleben?

Gott hat sich immer schon zugewandt

Dies gelingt nur, wenn wir ihm Gott als Person nahebringen, die sich uns immer schon zugewendet hat: nicht nur als den Gott, der unsere Sünde vergibt und uns durch Gnade rechtfertigt, sondern auch als Gott, der uns schon immer gewollt hat und unser tiefstes Inneres versteht (Ps. 139), der uns begleitet, wenn wir Ängsten tiefen Versagens ausgesetzt sind (Ps. 23), und der unserem zerbrochen Herzen und unseren zerbrochenen Hoffnungen nahe ist (Ps. 34). Ein Weg, auf dem wir Gott als Person kennenlernen können, findet sich in den Psalmen. Dass Jesus in der Stunde seiner größten Not – in der Passion – die Psalmen betete, gibt uns Hinweis: Denn in diesen Worten begegnet uns Gott, der nicht fern bleibt, sondern als Vater gegenwärtig ist, der uns individuell liebt, persönlich leitet und unser Leben in seine Perspektive hineinzieht – selbst dort, wo ein Weg an sein Ende gekommen scheint. In den Psalmen verliert Theologie jede Abstraktheit. Sie wird entkleidet und macht Gott als Person erfahrbar, die uns sieht, hört und anspricht. Genau diesen Gott dürfen und müssen wir jenen Menschen bekannt machen, die in ihrem Leben vor einer objektiven Grenze stehen. Denn sie brauchen das Christentum nicht als Ideologie oder als moralisches System, sondern „als die Begegnung mit einem Ereignis mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont gibt“ (Benedikt XVI, Deus Caritas Est, 1).

Das Gebet „Gott ist mit uns“ – Immanuel

Erst im Kennenlernen der Person Gottes öffnet sich eine neue Form des Gebets. Ein Gebet, das nicht mehr von meinen Worten oder meinen Klagen bestimmt ist, sondern von einer Erfahrung: dass ich gesehen, gehört und verstanden bin – und inmitten meiner Grenzen zum Leben ermutigt werde.
Menschen, die diese Weise des Betens entdeckt haben, nennen sie „Immanuel-Gebet“. Immanuel - weil es auf der Gewissheit beruht, dass wir Gott nicht erst um seine Nähe bitten müssen. Er ist längst da. Er war immer da. Denn nichts anderes meint „Immanuel“: Gott mit uns (Mt 1,22–23).

Immanuel-Gebet ist gelebte Beziehung

Wie aber sieht die Praxis eines Immanuel-Gebets aus? Im Grunde nicht anders als jene Situation, in der ein Kind mit seiner Not auf Vater oder Mutter trifft – auf Eltern, die Beziehung in helfender und regulierender Weise leben können. Kaum angekommen, spürt das Kind: die Eltern wenden sich seiner Not zu. In dieser Zuwendung liegt ein einfaches, aber entscheidendes „Ich sehe dich“. Dieses Sehen bleibt nicht äußerlich; es lässt sich berühren und wird betroffen vom inneren Schmerz des Kindes. Aus dieser Betroffenheit wächst das Hören, das aufmerksame, zugewandte Einfühlen darauf, was geschehen ist. So entsteht die Botschaft: „Ich höre dich.“ Dem Hören folgt ein Mitfühlen. Eltern halten dabei oft Blickkontakt, um dem Kind spürbar zu machen: „Ich verstehe, wie schwer dein Erleben für dich ist.“ In diesem Blick liegt noch mehr: „Ich bin froh, dir jetzt nahe zu sein – einfach, weil du mein Kind bist.“ Dieser verstehende Blick schenkt dem Kind Identität und richtet es auf. Er sagt ihm: „Du bist mein Sohn!“, „Du bist meine Tochter!“ und „Du hast Würde.“ Doch verantwortungsbewusste Eltern bleiben nicht bei dieser Zuwendung stehen. Sie wissen, ihr Kind muss sich der Wirklichkeit des Lebens stellen. Darum richten sie es auf, sprechen ihm Stärke und Mut zu. So wächst in ihm jene innere Kraft, das Leben wieder anzunehmen und ihm trotz aller Herausforderung kreativ zu begegnen.

Weil Eltern ihrem Kind in dieser Weise vermitteln: „Ich bin mit dir“, kann das Kind am Ende dieses Mitsein ergreifen – und das Leben neu wagen.

Das Immanuel-Gebet ist Begegnung

Das Immanuel-Gebet ist genau das: Begegnung mit einem Vater, der sieht, hört, versteht und aufrichtet. Und diese Begegnung ist Erfahrung: Die Begegnung von Ich und Du. 

Die geschilderte Szene zwischen Eltern und Kind umreißt die Struktur dieses Gebets. Denn der Gott mit uns sieht, in welcher Situation wir stehen. Er hört, was wir laut sagen, und auch das, was unausgesprochen in unserem Herzen bleibt. Und er wendet sich unserer Not verstehend zu. 

Diese Zuwendung ist kein billiger Trost. Sie will aufrichten. Gott möchte den Menschen mit seinem Verstehen und seiner Nähe darin verwurzeln, dass er sein Kind ist – sein Sohn, seine Tochter. In Jesus Christus zeigt sich Gott als der Immanuel, der offenbart, wer wir wirklich sind: Kinder eines Vaters, der keinen Stein gibt, wenn wir um Brot bitten (vgl. Mt 7,9–11). Konkret beschenkt er uns darum mit seinem Heiligen Geist, dem Beistand, der befähigt, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen und sie auf neue, kreative Weise zu bewältigen. Indem Gott seinen Geist in das Herz des Menschen gießt, verwandelt er das verlassene Herz in einen Ort seines Mitseins – in die innere Gegenwart des Immanuel. Das Gebet wird zur Beziehungserfahrung, die sich in uns einschreiben kann. Ja, auch neurologisch! - Was nun aber ist die Praxis des Immanuel-Gebets?

Die Praxis des Immanuel-Gebets

Wer das Immanuel-Gebet beginnt, sollte sich zunächst die Bibelstellen bewusst machen, in denen er Gottes Nähe bereits auf besondere Weise erfahren hat. Manchmal sind das Texte aus den Evangelien. Vor allem jene, in denen Jesus Menschen begegnet, anspricht oder heilt. Manchmal sind es einzelne Bibelworte, der Taufspruch, oder Worte, die man zu besonderen Anlässen, wie Konfirmation oder Firmung erhalten hat. Aber auch Zusprüche und Segensworte, die im Gebet zugesprochen wurden, gehören dazu. Diese Worte werden an einer bestimmte Stelle des Gebets gebraucht. Sie sind vor allem dann eine verlässliche Quelle für Gottes Mitsein, wenn wir sie bereits in der Vergangenheit tröstend oder aufbauend erfahren haben. 

Zudem ist es hilfreich, das Gebet schreibend zu vollziehen. Dazu kann das Gebetstagebuch verwendet werden oder ein leeres Blatt. Geübte Beter lassen diese Hilfsmittel vielleicht später beiseite. Für den Einstieg hilft Schreiben.

1. Eine Situation des Alltags 

Das Immanuel-Gebet hat seinen Platz in unserem Alltag. Dort, wo wir in besonderer Weise mit unserer Grenze konfrontiert sind, Angst haben, von Einsamkeit bedroht sind oder mit Folgen unserer Lebenswunden konfrontiert werden. Am Beginn des Gebetes tauchen wir daher in eine solche konkrete Situation ein. - Das braucht Mut. Vor allem die Aufforderung, die Angst, Unsicherheit, die Einsamkeit und die Not zu spüren, die wir in der Situation erleben. Letztlich stellen wir uns dadurch mit unserer erlebten Realität vor Gott.

2. „Ich sehe dich...“ 

Im zweiten Schritt realisieren wir: Gott sieht mich in meiner Not! So wie er es durch die ganze Geschichte der Bibel immer wieder gezeigt hat - Gott sieht die Not seiner Kinder.
Was aber sieht er jetzt, wenn er mich in meiner Not sieht? Genau das schreiben wir nun so auf, als würde Gott uns sagen, was er sieht. Denn in Wirklichkeit sieht er uns ja! Am Anfang ist das etwas ungewöhnlich, daher hilft, wenn wir den ersten Satz so beginnen: „Mein Kind, ich sehe dich jetzt in deiner Not. Ich sehe deine Angst, vor dem, was vor dir liegt und sehe ...“ - Wenn wir in die Situation, die Not macht, eingetaucht sind, wissen wir, was er noch sieht.

3. „Ich höre dich...“ 

Wie eine gute Mutter und ein feinfühliger Vater hört Gott alles, was wir laut und leise in der Situation in uns bewegen. Denn Gott hört das Schreien seines Volkes (vgl. Ex. 3,7) und Jesus hört unsere Not, wie die Not der Witwe von Naim (vgl. Lk. 7,11.17). - Daher können wir aus Gottes Perspektive schreiben: „Ich höre deine Not, mein Kind. Ich höre alle Stimmen, die dir sagen, du bist einsam und beziehungslos. Ich höre deine Verzweiflung, die sagt, da ist keiner ...“

4. „Ich verstehe dich...“ 

Und weil Gott mich in meiner Not sieht und hört, daher ist er auch derjenige, der mich nicht für meine Angst verurteilt, sondern versteht. Er, der Herr, weiß um meine Geschichte, um die Herkunft meiner Angst, um die Verzagtheit, die sich über die Jahre in mein Herz gelegt hat,.Daher sagt er jetzt auch: „Ich verstehe dich! Ich weiß, dass die Situation, in der du dich befindest, unüberwindbar erscheint. Ich verstehe, dass du dich gelähmt fühltst, mein Kind ...“

An dieser Stelle des Gebets angekommen, ist es wichtig, einen Augenblick innezuhalten. Die Situation wahrzunehmen, die Not macht, zugleich aber auch den Blick Gottes, der uns jetzt anschaut und versteht. Wenn wir dies kaum glauben können, dann sollten wir nochmals langsam die Worte lesen, mit denen uns Gott versichert, dass er uns sieht und hört. 

Tauchen wir in sein Verstehen ein, kann jetzt eine erste Ruhe einkehren. Die Angst lässt nach, die innere Aufwühlung flacht ab. Warum? - Weil das Alleinsein, die Einsamkeit, die wir in Situationen von Not und Angst verspüren, durch den väterlichen Blick Gottes durchbrochen wird. Denn er ist da: der Gott mit uns - Immanuel!

5. „Ich bin mit dir...“ 

Gott will aber nicht nur unsere Not verstehen. Er will uns aufrichten, uns versichern: Er ist mit uns! Nicht aus Mitleid, sondern weil wir seine Kinder sind, und weil er uns mit einer Zuversicht beschenken will, die uns nicht von seiner Liebe scheidet (Rö. 8,38). - Genau hier können wir jetzt auf die Bibelstellen zurückzugreifen, die wir vor dem Gebet zurechtgelegt haben. Denn wenn uns die Worte berührt haben, wissen wir, dass uns Gott meint, dass wir ihm als Tochter oder Sohn wichtig sind. Daher können wir nun auf die Worte hören und schreiben: „Ich bin mit dir, denn du bist mein Kind! Du bist der Sohn, die Tochter, die ich gewollt habe. Und ich will, dass du als meine Tochter oder mein Sohn in der Situation deiner Not aufstehst und deine Würde lebst...“ - Sicher können wir uns das schwer vorstellen. Wenn wir aber auf die Worte hören, die uns in Johannes 1,12 gesagt sind, können wir wissen: Wir haben von ihm das Recht erhalten, seine Kinder genannt zu werden.

6. „Ich sende dich...“ 

Weil wir aber Gottes Kinder sind, sendet er uns auch. Er sendet uns in die Situation, die uns Not macht, und er hilft uns, diese Situation vielleicht nicht ganz, aber doch um ein Weniges zu ändern. - Auch hier ist hilfreich, sich in die Worte einzuschwingen, hineinzufühlen, die uns bereits in der Vergangenheit gesegnet und gesendet haben. Welche Worte sind das? Und wozu sendet uns Gott? - Hier nun ist Zeit, die Botschaft dieser Worte neu zu hören und auf das Jetzt unserer Situation anzuwenden, indem wir wieder ihn sprechen lassen: „Ich sende dich... Ich sende dich in die Situation deiner Grenze, aber nicht als ein Mensch, der hilflos ist, sondern als einer, dem ich die Würde der Kindschaft verliehen habe... Als einer, der handeln und etwas Neues versuchen kann ... Und zwar konkret ...“ 

Gott will uns im Immanuel-Gebet nicht nur trösten, sondern auch senden. Denn er wünscht sich, dass sich in unserem Leben etwas ändert, und dass wir spüren, dass wir durch seine väterliche Zuwendung fähig werden, kleine Schritte zu gehen.

Am Ende 

Wer am Ende eines solchen Gebets angelangt ist, soll es sich nochmal laut vorlesen. Nicht nur einmal, zweimal - besser dreimal. 

Wenn wir das Gebet in unserer Bruderschaft des Weges praktizieren, lesen wir das Empfangene vor den Ohren anderer vor. Gerade hier machen wir die Erfahrung, dass das Gebet seine besondere Wirkung entfaltet. Vor allem dann, wenn die Geschwister das Gehörte bestätigen und uns für unseren Weg segnen.

Sicher, das Gebet ist eine Herausforderung und es braucht, wie alles im Glauben, - Praxis. Nur wer das Gebet immer und immer wieder vollzieht, erfährt seine heilende, tröstende und aufbauende Wirkung. Nur wer die Ich-Du-Beziehung mit Gott wagt, kann erfahren, dass er zur verlässlichen, tröstenden, ermutigenden Stimme in uns werden kann. Gott will sich mit seiner Gegenwart in uns schreiben! Er will uns nah sein. Der Gott mit uns - Immanuel.