Konversionstherapie - eine unnötige Debatte swap_horiz

Man fragt sich, ob wir wirklich noch einmal darlegen und begründen müssen, dass wir keine „Konversionstherapie“ anbieten - und schon gar nichts, was man als „Umpolung“ bezeichnen könnte.

Aber doch: Online-Petitionen und auch die Bremische Bürgerschaft haben in diesem Jahr wieder den Vorwurf in Umlauf gebracht, dass wir so etwas anbieten. Man möchte manchmal über solche Unwahrheiten und schlecht informierten Aussagen schmunzeln. Aber leider ist die Thematik und der damit zusammenhängende Vorwurf zu ernst.

Ein Versuch, zu verstehen:

Wir leben in einer Zeit, in der verschiedene Kräfte in der Gesellschaft die Idee verfolgen, dass Geschlecht und Sexualität hoch flexibel und wandelbar sind und höchst Individuell von jedem Einzelnen jederzeit neu interpretiert und gestaltet werden können und sollen.
Dies wird als Freiheit verstanden und durch die Förderung solcher Freiheit sollen Menschenrechte und Menschenwürde verteidigt werden.
Zeitgleich wird oft von denselben Kräften in der Gesellschaft die Menschheit in Heterosexuelle und Homosexuelle aufgeteilt und vertreten, dass ein Mensch entweder das Eine oder das Andere sein kann - und dass dies so fest in der Persönlichkeit verankert sei, dass es eine Flexibilität oder Veränderung nicht geben könne. Beide fest verankerten sexuellen Orientierungen seien dabei absolut gleichwertig, seien nicht auf Ursachen zu hinterfragen, und die Minderheit der Homosexuellen sei daher auch in allen Dingen der Mehrheit der Heterosexuellen gleichzustellen.
Auch dadurch sollen Menschenrechte und Menschenwürde verteidigt werden.

Dass beide Argumentationslinien, mit denen Rechte verteidigt werden sollen, offenbar in einer Spannung - wenn nicht gar in einem Widerspruch - stehen, scheint dabei nicht aufzufallen und zumindest nicht zu stören.

In diesem gesellschaftlichen Klima kann ein Mensch heute nicht mehr betonen, dass ein Kind am besten mit den sich liebenden leiblichen Eltern, Mutter und Vater, aufwächst. Denn so eine Aussage wird vor den genannten Hintergründen als Angriff auf Menschenrechte aufgefasst. Weder darf die heterosexuelle Ehe bevorzugt noch behauptet werden, Kinder hätten in einer Ehe von Mutter und Vater eine bessere Grundlage für ihr Aufwachsen.
Ähnlich ist es, wenn ein Mensch sagt, dass er erlebt hat, dass seine homosexuellen Empfindungen aufgrund von Verletzungen in der Kindheit entstanden sind - und dass er nach Bearbeitung von Verletzungen heute glücklich heterosexuell verheiratet ist.
Ganz offenbar wird die persönliche Zufriedenheit dieses Menschen verstanden als direkte Abwertung von Menschen, die Ja sagen zu ihrem Leben als Homosexuelle. Und die Behauptung dieses Menschen, dass sich seine sexuelle Anziehung verändert hat, bedroht eine wichtige Argumentationsgrundlage, mit der für die Rechte von Homosexuellen gekämpft wird.

Vermutlich müssen wir die Debatte um sogenannte Konversionstherapien, die in diesem Jahr vorangetrieben wurde, vor diesem Hintergrund verstehen.

Verbot von „Konversionstherapien“

Vertreter von SPD und den Grünen hatten im August des Jahres einen Dringlichkeitsantrag an den Bremer Senat formuliert, damit dieser sich auf Bundesratsebene für ein Verbot von sogenannten „Konversionstherapien“ einsetzt.

Björn Tschöpe, der Fraktionsvorsitzende der SPD, argumentiert in einer Pressemeldung und im Antrag so: Die SPD-Fraktion unterstützt aus voller Überzeugung den CSD, die Homo-Ehe und das Hissen der Regenbogenflagge vor der Bürgerschaft. Aber: selbsternannte „Homoheiler“ bieten Konversionstherapien an im streng religiösen Umfeld. Sie wollen junge homosexuelle Menschen „heilen“, obwohl der Weltärztebund Konversionstherapien verurteilt hat.1

In der ersten Version, war im Antrag unser früherer Vereinsname wüstenstrom erwähnt und behauptet worden, wir hätten seit Jahren solche Therapien angeboten und Elektroschocks zur Behandlung angeboten.

Offenbar stellen sich solche Politiker die Realität so vor: unbescholtene junge Homosexuelle, die eine angeborene und keiner Veränderung unterliegende sexuelle Orientierung oder sexuelle Identität haben, werden von religiösen Fanatikern missionarisch bedrängt, ihre wahre Natur zu unterdrücken - um zu stereotypen maskulinen Männern oder Heimchen am Herd umerzogen zu werden. Und diese Fanatiker wenden dann menschenverachtende Methoden an, um diese Menschen zu quälen und schließlich in den Suizid zu treiben. Und solche „Menschenrechtsverletzungen“ wollen weltoffene Politiker selbstverständlich verbieten.

Wen interessiert in diesem ideologischen Kampf der Weltverbesserer aber die Wahrheit oder die Realität?

Realität ist zunächst einmal, dass „Konversionstherapie“ ein Phantom-Begriff ist. In Deutschland gibt es für die Behandlung sexueller Konfliktlagen keine Konversionstherapien und auch niemanden, der solche propagiert. Die Anstrengungen, ein Verbot zu erreichen, laufen also ins Leere.
Dann: Therapie heißt Heilbehandlung. Und mit der Weltgesundheitsorganisation ist festzuhalten, dass Homosexualität keine Krankheit ist.
Außerdem: Der Begriff Konversion legt in diesem Zusammenhang nahe, dass man die Sexualität eines Menschen direkt beeinflussen kann und so aus einem an sich „Homosexuellen“ einen „Heterosexuellen“ machen wollte - was umgangssprachlich von Medien und Politikern wie Herrn Tschöpe dann als „Umpolung“ bezeichnet wird. Diese Vorstellung der Möglichkeit einer direkten Beeinflussung von sexuellem Empfinden und Erleben wäre unwissenschaftlich und unseriös. Denn Sexualität und sexuelle Orientierung unterliegen komplizierten bio-psycho-sozialen Prozessen und sind daher das Ergebnis solcher ineinandergreifender Mechanismen. Von daher gilt: Nur das, was auf psychischer oder sozialer Ebene als Konflikt greifbar ist, kann in einer Beratung reflektiert werden, nicht aber das sexuelle Streben selbst.
Und schließlich: Aversionstherapien2 mit Elektroschockbehandlungen, die im Zusammenhang mit Konversionstherapien regelmäßig erwähnt werden (wie auch im Dringlichkeitsantrag der Bremischen Bürgerschaft), sind eine verhaltenstherapeutische Maßnahme bei gewissen Störungsbildern. Im klinischen Setting wurde in den 1970er Jahren von Verhaltenstherapeuten auch versucht, Homosexuelle auf diese Weise von ihren homosexuellen Phantasien und Vorlieben zu entwöhnen - insbesondere in Kliniken in den USA. Für Deutschland gibt es aber keinen Beleg, dass solche Methoden in ambulanten Settings Anwendung gefunden hätten.
Sind solche Verbots-Kampagnen also nur ein Sturm im Wasserglas?

Nein, ganz so harmlos ist die verfolgte Strategie ganz sicher nicht. Für die Differenzierung, was Konversionstherapie bedeutet und dass sie selbstverständlich keine Anwendung findet, interessiert sich am Ende niemand. Ganz offenbar müssen wir vielmehr davon ausgehen, dass nach Lebenspartnerschaft und Ehe für Alle nun alles ausgetilgt werden soll, was der Idee des ein für alle Mal homosexuellen Menschen widerspricht. Und da sind solche Menschen ein Dorn im Auge, die unter ihrer gleichgeschlechtlichen Orientierung leiden, nach Veränderung und alternativen Lebenskonzepten suchen oder gar von einer Veränderung der sexuellen Orientierung berichten.

Meinen solche Petitionen und Gesetzesinitiativen gegen Konversionstherapien am Ende also doch uns und unsere Arbeit mit Menschen? Was bieten wir denn tatsächlich an?

Man könnte das, was wir tun, so nennen, wie es ein befreundeter Psychiater formuliert hat: wir begleiten Menschen in der Fluidität ihrer Sexualität. Mit den modernen Sexualwissenschaften glauben wir nicht an eine angeborene und unflexible sexuelle Orientierung. Vielmehr gehen wir davon aus, dass sich die Sexualität aus unterschiedlichen Motiven nach Nähe und Distanz, nach Bedürfniserfüllung und Angstreduktion speist und durch Lebensgeschichte, Familie und Kultur stark geprägt wird. Selbstverständlich werden in dieser Entwicklungsgeschichte der individuellen Sexualität auch Traumata, Schamerfahrungen, Vernachlässigungen und frühe Verluste in das eigene erotische Erleben integriert. Und wir halten es für erlaubt und hilfreich, wenn Menschen solche Zusammenhänge ihrer Sexualität erkennen und verstehen lernen - um sich mit ihrem Werden zu versöhnen und daraus neue Lebensentscheidungen zu treffen. Und die Erfahrung vieler Psychotherapeuten und die Erfahrung unserer langjährigen Arbeit zeigt auch, dass die Verarbeitung früherer konflikthafter Erfahrungen bewirken kann, dass eine bislang süchtig, pornographisch, oder an einem Fetisch orientierte Sexualität, oder jede als stark konflikthaft erlebte Sexualität, sich graduell verändert.

Natürlich dürfen solche Erkenntnisse nicht vereinfacht und verallgemeinert werden. Nicht jeder, kann für seine empfundenen sexuellen Konflikte und Notlagen einen Zusammenhang mit der Lebensgeschichte oder nicht-sexuellen Bedürfnissen und Nöten herstellen; und nicht jeder kann damit rechnen, dass die Verarbeitung von psychischen und/oder emotionalen Konflikten und Themen einen Einfluss darauf hat, was er in der Sexualität sucht und empfindet.
Aber jeder, der es kann, soll die Freiheit haben, mit fachlicher Unterstützung Konflikte und Lebensthemen zu bearbeiten und die Flexibilität in seiner Sexualität auszuloten. Diejenigen, die keine solchen Zusammenhänge herstellen können, sind frei, eine in sich vorgefundene Orientierung auf der Ebene der Sexualität auszuleben oder eben auch nicht.

Sollen Freiheiten aus ideologischen Gründen beschnitten werden?

Wir halten dafür, dass jeder Mensch selbst Herr ist über die Interpretation seiner Biographie, seines heutigen Lebens und verantwortlich für die Gestaltung seiner Zukunft. Die Begleitung bei Konfliktlagen, die auch die Sexualität betreffen, muss mit Fingerspitzengefühl und äußerster Achtsamkeit geschehen. Wir möchten Menschen in die Freiheit der Gestaltung ihres Lebens führen, in der sie sexuelle Empfindungen und Lebensziele und Werthaltungen für sich in Einklang bringen und damit glücklich leben können. Aber ist es eine solche Freiheit, die von den linksliberalen Kräften in unserer Gesellschaft mit der Verteidigung von Menschenrechten angestrebt wird? Offenbar nicht.

Im scheinbaren Kampf um Menschenrechte könnte es also verboten werden, dass Menschen vorurteilsfrei und ergebnisoffen die Zusammenhänge ihrer Sexualität und ihres sonstigen Empfindens und Erlebens erforschen und dabei unterstützt werden. Es könnte verboten werden, dass Menschen Hilfe darin erfahren, konflikthaft empfundene Homosexualität nicht auszuleben. Erst recht könnte es verboten werden, dass Menschen, die sich bislang als homosexuell erleben, darin begleitet werden, heterosexuelle Potentiale in ihrer Sexualität zu erkunden und zu entfalten. Und das nicht nur für von den Krankenkassen zugelassene Psychotherapeuten - sondern für jeden Seelsorger und Berater in Deutschland.

Hier sehen wir mit großer Sorge nun tatsächlich Menschenrechte und auch die Menschenwürde in Gefahr. Werden in Zukunft Politiker beschließen, wie wir Menschen unsere Sexualität zu leben haben?
Wir wollen darauf hoffen, dass es auch in Zukunft in Deutschland erlaubt sein wird, Menschen in ihrem subjektiven Leiden so fachlich zu begleiten,

dass ein Pornografie-Süchtiger versteht, welche wahren Nöte ihn in die Scheinwelt der Pornografie treiben - und er Potentiale entwickelt, seine Sexualität in die feste Bindung zu einem anderen Menschen zu integrieren;
dass ein Sado-Masochist versteht, wieso die Themen Aggression und Gewalt, Dominanz und Unterwerfung so großen Einfluss auf seine Sexualität genommen haben - und er auch andere Formen von Nähe und Distanz, Liebe und Geborgenheit in seine Sexualität und sein Beziehungserleben integrieren kann;
dass ein Fetischist versteht, wie das leblose Objekt oder das Körperteil so einen hohen Stellenwert in seiner Sexualität bekommen konnte - und er dahin reift, Sexualität auf das Ganze des anderen Menschen, seine Leiblichkeit und Persönlichkeit zu beziehen;
und schließlich, dass ein homosexuell Empfindender entdeckt, ob und inwiefern Traumata, Scham, Ängste, Bindungsunsicherheiten sich mit seiner Homosexualität verknüpft haben und der Motor seiner Sexualität geworden sind - und er mit Unterstützung ohne das Ausleben seiner Sexualität glücklich leben oder sogar heterosexuelle Potentiale entfalten kann.

Niemand kann Menschen das Recht auf solche Entdeckungen und die Entfaltung von Potentialen, die in ihnen liegen, verbieten! Wir hoffen also, dass es trotz so starker ideologischer Kämpfe in unserer Gesellschaft nicht so weit kommt.

  1. „Aus voller Überzeugung werden wir daher als Fraktion morgen am CSD teilnehmen. Aus voller Überzeugung haben wir uns dafür ausgesprochen, dass Homosexuelle heiraten können. Und aus voller Überzeugung haben wir dafür gestimmt, dass vor der Bürgerschaft als Zeichen der Solidarität des Parlamentes die Regenbogenflagge weht.“ (https://media.spd-fraktion-bremen.de/uploads/2018/08/PM-SPD-Fraktion-will-Verbot-von-Therapien-die-Homosexuelle-%E2%80%9Eheilen%E2%80%9C-sollen.pdf) „Selbsternannte „Homoheiler“ bieten fragwürdige Konversionstherapien an, sie arbeiten meist im Umfeld streng religiöser Gruppierungen. Besonders in evangelikalen Kreisen wird bei homosexuellen Jugendlichen und jungen Erwachsenen (teilweise auch bei trans- oder intergeschlechtlichen Personen) der Versuch unternommen, diese durch eine „Umpolungs-Therapie“ zu „heilen“. So werden beispielsweise homoerotische Bilder gezeigt und gleichzeitig Elektroschocks verabreicht, um so eine Abneigung gegenüber gleichgeschlechtlicher Lust entstehen zu lassen.“ (https://media.spd-fraktion-bremen.de/uploads/2018/08/SPD-GR%C3%9CN-LINKE-DA-2018-08-28-Pseudowissenschaftliche-Konversionstherapien-endlich-verbieten.pdf)
  2. In der Aversionstherapie sollten „‚unerwünschte‘ Verhaltensweisen durch die Kopplung mit willentlich erzeugter Angst“ abgebaut werden. Diese Therapie wurde bei Alkoholproblemen und bei abweichendem sexuellen Verhalten eingesetzt. „Bei dieser sog. Aversionstherapie wurden Stimuli, Gedanken oder Verhaltensweisen, die zu der unerwünschten Reaktion gehörten, mit einem aversiven Reiz wie einem elektrischen Schock verbunden. Nach mehreren Versuchen dieser Art sollte der ursprüngliche Stimulus eine konditionierte Angst ähnlich der Reaktion auf den aversiven Reiz hervorrufen.“ (Margraf, Jürgen; Schneider, Silvia (Hg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie - Band 1: Grundlagen, Diagnostik, Verfahren, Rahmenbedingungen; 3. vollst. bearb. und erw. Auflage; Heidelberg 2009; S. 14; http://www.geocities.ws/prozue/therapie/aversive4.pdf)