Liebe heißt Versöhnung – Einblick in die Elternarbeit swap_horiz

Es geht also um Versöhnung

Wenn wir an Versöhnung denken, tauchen natürlich unterschiedliche Perspektiven in uns auf. Als Christen ist es uns als Erstes und Wichtigstes im Sinn, dass wir mit Gott versöhnt sind: durch Christi Leiden und Sterben für uns. Durch seine Liebe und sein Hineinnehmen in die Liebe des dreifaltigen Gottes. Und wir versöhnen uns mit ihm immer wieder neu, wenn wir unsere Schuld bekennen, wenn wir beichten.

Zur Versöhnung gehört aber auch, dass ich versöhnt bin mit meinem eigenen Leben, meiner Geschichte und meinem Gewordensein, mit meiner Gegenwart heute und mit der Zukunft, die ich erwarte. Dazu muss ich aber auch mit meinen Fehlern, Schwächen, Grenzen und Mängeln versöhnt sein. Kann ich das denn?

Versöhnt sein erstreckt sich dann auch auf meine Beziehungen, auf meinen Ehepartner, meine Freunde, die Menschen in meiner Gemeinde. Und auch auf meine Eltern und auf meine Kinder. Was ist aber, wenn mir ein Kind besondere Sorgen bereitet oder bereitet hat? 

Hier wollen wir den Fokus einmal richten auf Eltern, deren Kind sich als homosexuell geoutet hat, oder entschieden hat, nicht länger im angeborenen Geschlecht leben zu können. Und hier möchte ich den Ton des Textes ändern und euch Eltern in dieser Situation direkt ansprechen, wie ich es bei unserem Elterntag im November dieses Jahres gemacht habe.

Meine Verletzung braucht Versöhnung

Es gibt Dinge, die passiert sind, über die ihr als Eltern sagt: Da waren wir enttäuscht oder verletzt.

Es kann sein, dass ihr verletzt wurdet, weil euer Kind es erst so spät gesagt hat. Oder ihr wart verletzt aufgrund der Art und Weise, wie es das gesagt hat. 

Oder ihr wart verletzt, weil ihr es selbst hintenrum entdeckt oder erfahren habt. 

Oder ihr wart verletzt, weil euer Kind euch den Freund oder die Freundin nicht vorgestellt hat. 

Ihr wart verletzt, weil euer Kind euch Vorwürfe gemacht hat. Vielleicht sogar heftige.

Oder ihr wart verletzt, weil euer Kind euren Standpunkt nicht verstanden hat. 

Das sind die Verletzungen von euch Eltern, die vielleicht einer Versöhnung entgegen stehen. Daran tragt ihr vielleicht noch bitter. 

Das muss und darf man sich auch so eingestehen, dass es solche Punkte gibt. - Überlegt mal, wo sind kleine Verletzungen, die aber immer wieder hochkommen. Wo sind größere Verletzungen, vielleicht auch, weil eure Kinder sich so spät anvertraut haben, vielleicht auch vorwurfsvoll waren, während ihr doch die Eltern wart und für sie da sein wolltet? Ihr wolltet ihre Sorgen hören. Ihr wolltet nicht, dass eure Kinder allein sind mit so einem Problem.

Die andere Seite der Geschichte

Versöhnung beginnt nun aber dort, wo wir uns auch die andere Seite der Geschichte bewusst machen. - Ich vermute, dass euer Kind eine eigene Geschichte hat. Vermutlich wusste es etwas von den Wünschen, die ihr für sein oder ihr Leben hattet. Das kriegen Kinder ja mit. Oder vielleicht hatte euer Kind Angst, diese Wünsche zu enttäuschen. Denn euer Sohn, eure Tochter wusste von euer Liebe und auch den Hoffnungen, die mit diesen Wünschen verbunden ist.

Wenn man sich versöhnen möchte, ist es immer wichtig, dass man weiß, was im anderen vorgegangen ist. Was seine Geschichte ist. Was seine Motive waren. Dass der andere vielleicht gern anders gehandelt hätte, wenn es ihm denn möglich gewesen wäre. Dass er nie ohne Liebe zu mir, zu uns gehandelt hat. Und: Wenn man sich versöhnen möchte, tut es Not, sich mit der inneren Welt des Menschen auseinanderzusetzen, der uns vermeintlich enttäuscht oder verletzt hat. 

Lasst uns also mal vorstellen: was oder wie war denn der Weg eures Kindes? Was hat es in sich erlebt, als es wahrnahm, dass das, was es in sich fühlt, nicht mit dem zusammenpasst, was ihr euch als Eltern vorgestellt habt, und was die Umwelt als „normal“ ansah? In welche Vorstellungen ist es ab diesem Moment rein gerannt. Wie ging es ihm wohl auf seinem Weg, als er oder sie entdeckt hat, dass er homosexuell empfunden oder sich im eigenen Körper unwohl gefühlt hat? Und wie hat sich das Ganze in eurem Kind dann entwickelt?

Wie ging es eurem Kind

Erzählt euch mal die Geschichte eures Kindes. - Stellt euch vor, ihr seid christliche Eltern, die regelmäßig in die Gemeinde gehen. Jetzt entdeckt euer Kind seine Empfindungen und hört gleichzeitig in der Gemeinde die direkten und auch die subtilen, zwischen den Zeilen verborgenen Normen über Sexualität. All das nimmt ein Junge, ein Mädchen ja sehr wach wahr und auf. Und das Kind weiß im Vergleich mit der Altersgruppe, mit dem, was andere erleben oder durchmachen, dass das Ziel ja eigentlich sein sollte, dass ich mal einen gegengeschlechtlichen Partner heirate. Und da machen sich Kinder schon ab 8 oder 9 Jahren, wenn sie schon ein wenig verstehen, dass Mann, Frau, Liebe und Sexualität eine Einheit sind (was Kinder davor noch nicht wirklich denken können) Gedanken, oder haben Ängste, weil sie spüren: ich bin so nicht. 

Oder selbst, wenn es erst in der Pubertät erwacht. Dann sieht das Kind in der Klasse die anderen, sieht, was sie in Jugendmagazinen lesen. Und immer geht es um die Liebe und Anziehung zum anderen Geschlecht. Und da gehöre ich nicht dazu. 

D.h., euer Kind hat in der Gemeinde und in der Schule immer wieder das Problem, nicht richtig rein zu passen, nicht voll dazu zu gehören. Das ist as Erleben und die Wahrnehmung des Kindes, die euch verborgen geblieben ist. 

Es kommt mit seinem Körper nicht klar, es kommt mit der Zugehörigkeit zu den Gleichaltrigen nicht klar, gerade auch zu den Gleichgeschlechtlichen. Und jetzt entwickelt es vielleicht Sehnsüchte nach einem ganz engen Freund, einer Freundin, und beginnt irgendwann, den Freund, die Freundin auch zu erotisieren. Oder, oder. 

D.h., da gibt es ganz viel Innenleben in eurem Kind, und es ringt damit. Und es traut sich nicht, euch als Eltern, die ihr ja eine Norm von Ehe von Mann und Frau darstellt, jetzt mit einer abweichenden Norm gegenüber zu treten. Und es erlaubt sich das schon gar nicht, weil ihr ja Christen seid, hier eine andere Norm darzustellen. Und bei all dem, was euer Kind in der Gemeinde, in der Predigt am Sonntag und in der Jugendgruppe hört, traut es sich nicht, zu sagen, was es eigentlich fühlt. Überall hört das Kind: das, was ich als angenehm empfinde, ist nicht normal! 

Können wir uns also vorstellen, wie es einem solchen Kind geht? Wie einsam, wie verkehrt, wie schuldig vielleicht, wie ängstlich mit Blick auf die Zukunft es sich fühlt? 

Und vielleicht ist euer Kind dann auch heimlich, ohne dass ihr es wusstet, in die Homosexuellen-Szene gegangen. Zuerst online, vielleicht dann auch an Orten, wo sich diese Leute treffen. Und wie geht es jemandem dort in der Szene? Da ist Freiheit! Da denken alle dasselbe. Auf einmal ist das, was zum Beispiel in der Gemeinde zur Reibung führt, gar nicht mehr da. Alles ist plötzlich einfacher. Man darf einfach da sein mit seinem Begehren, keiner hinterfragt das. Und gleichzeitig denkt man, denkt das Kind: „Wenn das meine Eltern wüssten.“ Und jetzt kämpft es wieder. Vermutlich ist euer Sohn, eure Tochter in diesem Moment hin- und hergerissen.

Der Kampf und die Offenbarung

Und irgendwann hat sich euer Kind dann trotzdem durchgekämpft durch all das, um euch dann doch zu sagen: Mama, Papa, ich empfinde homosexuell. Ich bin schwul. Oder: Ich bin lesbisch. Oder: Ich kann in diesem Körper nicht leben. Und das war, nach allem, was wir jetzt durchdacht und nachgefühlt haben, sicherlich nicht einfach die Laune eines Moments. Sondern es war das Ergebnis eines langen Kampfes, eines Weges mit vielen Abgründen, mit vielen Bedrohungen, dass man ja dann verworfen ist, dass man ausgeschlossen wird, also Angst vor sozialen Folgen, die damit verbunden sind. Sicherlich war in diesem Moment auch sehr viel Scham in eurem Kind. Es wusste, jetzt breche ich die Norm, jetzt enttäusche ich.

Und das Kind weiß natürlich auch: ihr als Eltern, die ihr Christen seid, werdet es damit schwer haben. Was kommt da auf meine Eltern zu, wenn sie wissen, dass sie so ein Kind haben? Kinder sind fürsorglich. Kinder wollen nicht, dass ihre Eltern leiden.

Die Innenwelt des anderen zulassen

Es ist schwer, wenn man sich die innere Welt und den einsamen Kampf eines Kindes vorstellt!

Wenn wir dir Vorstellung in uns zulassen, kommt sehr schnell die Frage auf: Warum?

Warum haben wir das nicht früher gemerkt?

Warum haben wir das bei unserem Kind nie wahrgenommen? Es ist doch unser Kind!

Wo und wann haben wir versagt?

Aber: diese Fragen sind nicht die richtigen Fragen! Denn Kinder sind, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, eine Blackbox! Kinder besitzen von Anfang an eine eigene Innenwelt. Sie reagieren auf die Umwelt und auch auf eure Liebe sehr individuell. Sie übersetzen Liebe und Beziehungen in ihre eigene Sprache und in ihr eigenes Empfinden - oft auch deshalb, weil sie bereits im Kindesalter mit unseren Wünschen sehr fürsorglich umgehen und uns nicht enttäuschen wollen.

Einblick in die Blackbox

Da denke ich an meine eigene Geschichte. Ich bin als Jugendlicher nicht damit zurecht gekommen, speckig zu sein, zu schielen, ungebildeter zu sein als meine Mitschüler. Und es war schwer für mich, immer mit Kleidung in die Schule zu gehen, die nach Zigarettenrauch gerochen hat. Ich war offenbar unangenehm. Und mit diesem Gedanken, dieser Wahrnehmung bin ich, wie mit allem, allein geblieben. Ich wollte nach außen souverän wirken, stark, immer lächelnd und einen witzigen Spruch auf den Lippen. Über meine Scham und Unsicherheit zu sprechen kaum mir gar nicht in den Sinn. Meinen Vater kannte ich nicht, und den Blick meiner Mutter, wenn ich mal nicht souverän war und stark, deutete ich so, als würde sie mich peinlich und abstoßend finden. Auch das behielt ich aber für mich und strengte mich noch mehr an, mir nie eine Schwäche zu erlauben. Heute weiß ich, dass meine Mutter aufgrund schwerer Traumata selbst viel Scham empfindet und dass ihr Blick nichts damit zu tun hatte, dass ich ihr peinlich wäre. Aber als Kind habe ich das für mich so gedeutet und mein Verhalten daran orientiert. Um der inneren Scham zu entkommen, habe ich dann schön früh als Junge die Angewohnheit entwickelt, mich in die hübschen Gesichter meiner Klassenkameraden hinein zu träumen. Das hat sich beruhigend und tröstend für mich angefühlt und war der erste Schritt dahin, Jungs und Männer anziehend zu finden. Und auch mit dieser Entwicklung bin ich ganz allein geblieben. Meine Mutter oder andere hätten mir das nicht ansehen können, wie es tatsächlich in mir aussah. Und weil ich meine Mutter liebe, wollte ich auch nicht, dass sie noch mehr Sorgen und Last hat, als sie ohnehin zu zu bewältigen hatte. 

Wenn ihr als Eltern jetzt tatsächlich mal die mögliche Geschichte eures Kindes vor Augen stellt, euch einfühlt, denkt dabei immer daran: euer Kind hat eine eigene Innenwelt und eine eigene Art, mit den Dingen umzugehen. Es hat eigene Deutungen, Interpretationen und eigene Empfindungen, die ihr als Eltern nicht wahrnehmen konntet.

Vielleicht wollt ihr euch als Eltern auch darüber austauschen, was ihr euch vorstellen könnt, wie es eurem Kind wohl ging?

Hat euch euer Kind vielleicht erzählt, wann es zum ersten Mal seine Empfindungen entdeckt hat? Was hat es da wohl alles durchgemacht? Und wie schwer war es wohl, all das zu offenbaren gegen all die genannten Widerstände? Gegen die biblische Norm, die gemeindliche, die innenfamiliäre, gegen die Fürsorge für die Eltern, die dann vermutlich enttäuscht sind, weil sie z.B. noch keine Enkel haben.

Wollte das Kind verletzten?

Macht euch bewusst, dass der Mensch, der euch aus eurem Blickwinkel verletzt hat, das gar nicht wollte. Viel mehr war er Gefangener seiner Geschichte. In welcher Geschichte war euer Kind gefangen? In der Geschichte seiner Scham und Angst? In einer Geschichte, die aufgeladen wurde von der LGBTQ+-Bewegung, die Feindbilder gegen fromme Eltern aufbaut und hilft, arguemntativ hochzurüsten? - Es gibt unterschiedliche Gefangenschaften in die Kinder geraten, wenn sie allein sind und niemanden haben, dem sie sich anvertrauen können! 

Die Frage, die ihr euch stellen sollt, ist die: Was kommt in euch auf, wenn ihr euch so in euer Kind einfühlt? Wenn ihr darüber nachdenkt, dass es wirklich gekämpft hat? Was macht das dann mit den Verletzungen, die euch euer Kind zugefügt hat? Was verändert sich in eurem Herzen, oder wie verändert es die Vorwürfe, die ihr vielleicht noch in euch tragt? Vor allem dann, wenn ihr euch bewusst macht, dass euer Kind nie ohne Fürsorge und Liebe, also einfach so, gegen euch gehandelt hat? Und wenn ihr Mitgefühl mit euerem Kind habt, wenn es euch berührt, welche Kämpfe es durchleiden musste, vielleicht wollt ihr dann auch mit dieser Wahrnehmung eures Kindes vor Gott treten und noch mal ganz anders für euer Kind beten.

Die Liebe erträgt alles

Paulus sagt in 1. Kor. 13, 7: „Die Liebe erträgt alles!“ - Verstehen, Einfühlung und Versöhnung bedeutet nicht, dass das Handeln der Kinder gut ist. Versöhnung, die aus einer Liebe geboren wird, die alles erträgt, auch die Geschichte und den einsamen Weg des Kindes, ist eine Liebe, die in sich den Weg zum Himmel trägt. Und manchmal ist unser versöhntes Herz, das nicht in leichtfertiger Barmherzigkeit Geschehenes gut heißt, sondern Erlebtes und Erlittenes mitträgt, die Brücke, auf der die Kinder irgendwann zu einem großen inneren Frieden in Gott finden. 

Daher ist unsere Versöhnung wichtig. Weil sie unser Herz vom Vorwurf gegen die frei macht, die wir lieben, und weil sie uns geistlich befreit. Vor allem vom Kampf um einen vermeintlichen Gegner. Euer Kind ist nicht euer Gegner, es ist euer Schatz! Der Gegner ist ein anderer! 

D.h., Versöhnung beinhaltet kein moralisches Ja! Versöhnung ist vielmehr nur - oder vora llem? - getragen von der Liebe, die in Gott ist. Und diese Liebe ließ ihn seinen Sohn hingeben. Was nichts anderes heißt als: Die Kraft der Liebe, die wir in die Versöhnung investieren, ist die Liebe, die alles erträgt. Daher brauchen wir für die große Einfühlung, für den hier gezeigten Weg also Gottes Mitgehen!

Summe

Wir sehen: Liebe zeigt sich daran, dass wir die Perspektive wechseln. Dass wir den Blick auf die Welt desjenigen einnehmen, der uns Schmerz, Frustration und Sorge bereitet. Wir müssen uns die Mühe machen, die Welt mit den Augen des anderen zu betrachten. Vielleicht finden wir sogar in den Entscheidungen und Handlungen des Menschen, der uns Mühe bereitet, eine Liebe und das Ziel, etwas Gutes zu vollbringen. Menschen meinen es selten wirklich schlecht oder böse mit uns. Auch ist der Wille des Menschen normalerweise auf das Gute gerichtet - auch wenn der Mensch das Gute nicht immer richtig erkennt. 

Ich wünsche allen Menschen, die sich mit Versöhnung schwer tun, dass sie zuerst die Liebe Gottes und seine Barmherzigkeit in Bezug auf das eigene Sein und Leben annehmen können. Dass sie Ja sagen können zu sich selbst, ihrem Sein, ihrem Gewordensein. Auch Ja zu ihren Grenzen und Schwächen, ihren Fehlern.

Und ich wünsche allen Eltern, die damit umgehen müssen, dass ihre Kinder ein Leben leben, zu dem sie sie nicht erziehen wollten, dass sie in allem trotzdem die Liebe ihrer Kinder wahrnehmen können. Dass sie vergeben und sich auch in der Tiefe ihres Herzens versöhnen können. Klar bleibt ein Schmerz zurück. Das Kind lebt etwas, das nicht meinen Werten entspricht. Das mir Angst und Not und Schuldgefühle bereitet. Aber es ist und bleibt mein Kind. Mit seiner Geschichte. Seiner Not. Seinen Kämpfen. Und dieses Kind verdient meine Liebe! Und dafür brauche ich die Liebe aus Gott, denn nur sie erträgt alles!