Die Grenze: Wenn Lebensziele nicht erreicht werden
Was, wenn sich eine sexuelle Orientierung als unflexibel und statisch herausstellt, wenn Vertrauen trotz Therapie nicht wächst und der Traum von Partnerschaft oder Familie zerbricht? Dann stehen Menschen vor einer Grenze, die mehr ist als eine Grenzerfahrung, die sich mit Mut und Geduld überwinden ließe. Es ist eine existentielle Grenze, an der die Sehnsucht nach Entfaltung scheitert - und die Frage nach dem Sinn des Lebens unabweisbar wird.
Das Verstehen der Grenze
In einer Zeit fortschreitender Liberalisierung und Individualisierung geraten wir in der Seelsorge leicht in Versuchung, die Erfahrung solcher Grenzen umzudeuten. Schließlich scheint es heute viele Wege zu geben, dem Leben Sinn zu geben. Warum also sollte ein nicht-heterosexuell empfindender Mensch nicht in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung Erfüllung finden? Warum sollte jemand, der sich aufgrund von Ängsten keiner Partnerschaft anvertrauen kann, nicht in einem Freundeskreis Nähe und Zugehörigkeit erfahren oder sexuelle Wünsche in unverbindlichen Beziehungen ausleben dürfen?
Diese Optionen wirken modern, selbstbestimmt und pluralitätsfähig. Aber sie übersehen oft etwas Entscheidendes: den inneren Sinnhorizont, nach dem diese Menschen streben. Was sie suchen, ist nicht bloß Nähe oder Lust – es ist eine anthropologische Ganzheit, eine Übereinstimmung ihres Lebens mit dem, was sie als wahr, schöpfungsgemäß und sinnvoll empfinden.
Eine Seelsorge, die dem Menschen gerecht werden
will, darf dieses Streben nicht bagatellisieren. Sie muss die Ernsthaftigkeit
des Sinnhungers und den Schmerz über sein Scheitern wahrnehmen. Denn wenn wir
die Grenze, vor der diese Menschen stehen, relativieren, verharmlosen wir auch
ihre Existenzkrise.
Die Bedrohung durch Nicht-Sein
Diese Grenze ist nicht nur objektiv, sie greift tiefer: sie berührt das Leben selbst. Wer an einer solchen Schwelle steht, an der sich das Dasein nicht so erfüllt, wie erhofft, erlebt die Bedrohung, sein eigenes Sein nicht mehr bejahen zu können. Paul Tillich beschreibt diese Erfahrung in „Der Mut zum Sein“ als die Bedrohung durch das Nichtsein.
Darum ist es entscheidend, dass wir
Seelsorgerinnen und Seelsorger diese Grenze wirklich verstehen, bevor wir sie
deuten. Denn selbst wenn wir den Betroffenen sagen, dass ihnen andere Wege der
Selbstverwirklichung offenstehen, findet ihre Existenzangst dadurch noch keine
Ruhe. Die innere Bedrohung bleibt, bis sie in einer größeren Wahrheit
aufgehoben wird.
Drei Ängste
Tiefer verstehen können wir die Grenze, vor der diese Menschen stehen, wenn wir uns die grundlegenden Ängste vor Augen führen, mit der die Existenzbedrohung einhergehen kann. Paul Tillich spricht in diesem Zusammenhang von drei Ängsten.
Es ist erstens die Angst, dass das Leben durch ein unverschuldetes, irrationales und undurchdringliches Schicksal verfehlt wird. Wer vor einer objektiven Grenze steht, erlebt sich als von der Zufälligkeit des Daseins getroffen, als sei die Gnade Gottes und der Segen eines erfüllten Lebens gerade ihm versagt geblieben. Diese Angst ist nicht theoretisch, sondern existentiell: sie greift das Grundvertrauen an, dass das Leben Sinn und Fügung hat.
Die zweite Angst ist die Angst vor Schuld und Verdammung. Sie entsteht dort, wo Menschen sich vom Glück anderer ausgeschlossen fühlen, obwohl sie sich zutiefst nach demselben Glück sehnen. Dann meldet sich die Versuchung der Selbstverurteilung und Selbstverdammung: wenn mir etwas nicht gelingt, was anderen selbstverständlich möglich ist, dann muss es an mir liegen - an meiner Unzulänglichkeit, an einem Mangel meines Wesens. So verwandelt sich das unverschuldete Schicksal in ein bedrängendes Gefühl von Schuld. Die innere Stimme sagt: Ich bin gescheitert, und meine Existenz ist schuldig.
Gerade eine Seelsorge, die sich am Wort des
Paulus orientiert – „Einer trage des anderen Last“ (Gal 6,2) – und nicht am
Prinzip professioneller Distanz, muss sich dieser Ängste bewusst sein. Nur wer
sie erkennt und auszuhalten vermag, kann Menschen wirklich begegnen – dort, wo
ihr Leben an eine Grenze stößt.
Der Mut zum Sein - Ein Ausweg
Nach Tillich gibt es einen Ausweg aus einer
solchen Infragestellung der eigenen Existenz nur durch den Mut zum Sein. Dieser
Mut dürfe aber zunächst nicht als ethisches Handeln verstanden werden, sondern
müsse sich auf das ganze Selbstsein beziehen. Der Mut sei daher ontologisch zu
denken und müsse übersetzt werden als Mut, der alle Ängste in sich aufnimmt und
das ganze verzweifelte Schicksal umfasst. Der Mensch, der also vor einer
solchen Grenze steht, die die die ganze Existenz bedroht, müsse den Schmerz der
eigenen Verzweiflung umfassen und damit zugleich seine Unfähigkeit anerkennen,
sich gegen die Macht des Nichtseins bejahen zu können. Der Mut zum Sein ist
also der Mut der Verzweiflung. Er endet aber nicht in der Verzweiflung, sondern
sei vielmehr der Sieg über die Angst der Sinnlosigkeit. Denn er hält die Angst
aus und bringt sie zum Ausdruck. - Letztlich sei dies dann ein Akt der
Selbstbejahung und damit auch der Bejahung des Schicksals, in das man sich
gestellt sieht. Man bejaht sich als bejaht trotzdem!
Wie zum bejaht-trotzdem finden?
Wie aber kann der Mensch zu einem „bejaht-trotzdem finden“? - Nach Viktor Frankl kann der Mensch zum „bejahenden Trotzdem“ nur durch das finden, was er die Trotzmacht des Geistes nennt. Diese Kraft entsteht dort, wo der Mensch sich seiner existentiellen Freiheit und Verantwortlichkeit bewusst wird. Denn diese Freiheit bleibt auch dann erhalten, wenn ihm fast alles Äußere genommen wird. Die Trotzmacht des Geistes ist für Frankl keine Emotion, sondern eine bewusst gewählte Haltung, die Leiden und Scheitern verwandeln kann.
Sie eröffnet die höchste Möglichkeit menschlicher Selbstverwirklichung: die Verwirklichung von Einstellungswerten. Der homo patiens - der leidende Mensch - kann Fülle und Würde selbst im Scheitern gewinnen, wenn er dem Opfer, das ihm auferlegt ist, Sinn verleiht.
Indem er dem Leid einen Sinn gibt, übersteigt er es geistig. So entkommt er der Angst vor Sinnlosigkeit und dem Sog der Verzweiflung, weil er der erlittenen Grenze einen Über-Sinn abgewinnt.
In diesem geistigen Akt bewahrt der Mensch, was Frankl den letzten Wert nennt: die innere Freiheit. Sie bleibt auch angesichts von Leid und Verlust bestehen - die Freiheit, sich selbst trotzdem zu bejahen und dem Leben ein „Ja“ entgegenzuhalten. Frankl ruft den Menschen, der an einer existentiellen Grenze steht, dazu auf, sich seinem Schicksal aktiv zu stellen. Auf keinen Fall soll er sich der Passivität oder der Verzweiflung hingeben.
Er soll handeln, sich entscheiden, Verantwortung übernehmen – und die objektive Grenze nicht als Ende, sondern als Ort der Freiheit begreifen, an dem sich diese Freiheit gerade durch bewusste Entscheidung verwirklichen kann. Mit diesem Ruf zur Entscheidung verweist Frankl auf etwas Grundlegendes: das aktiv handelnde Ich.
Nicht wenige gläubige Menschen, die mit einer Grenze ihres Lebens konfrontiert sind, verlieren genau diese Haltung. Sie warten auf ein Wunder, das ihr Schicksal wendet, statt ihre Freiheit im Gegebenen zu leben. Für sie ist Frankls Hinweis wichtig: auch im Leiden bleibt der Mensch zur Entscheidung fähig.
Die Rolle des Glaubens
Und doch bleibt Frankls Ansatz unvollständig. Zwar erkennt er die Rolle der Religion für die Sinnfindung an, doch betont er zugleich, dass der Mensch auch ohne Gott diese Haltung verwirklichen könne.
Hier setzen Paul Tillich und Romano Guardini an. Beide vertiefen Frankls Gedanken, indem sie betonen, dass ein „trotzdem bejaht“ im Letzten in Gott gegründet sein muss. Guardini macht deutlich, dass dieses Bejahen keine eigene Leistung ist. Es kann nicht aus bloßer Willenskraft hervorgebracht werden. Der Mensch findet es nur, wenn er die Tür zu Gott offenhält.
In seiner Schrift „Vom Sinn der Schwermut“ schreibt Guardini, dass der Mensch sein zugemutetes Schicksal und die darin liegende Grenze bejahen muss. Doch dieses „trotzdem Ja“ kann nur entstehen, wenn er den Sprung zu Gott wagt - zu dem, der das Sein selbst ist. Denn nur in ihm ist unser Ja aufgehoben und geborgen - von Anfang an.
Er, das Sein selbst, hat uns „gebildet im Leib unserer Mutter“, und – so heißt es in Psalm 139 – „seine Augen sahen uns, noch bevor wir waren“.
Damit umfasst der Mut der Verzweiflung ein Doppeltes: Sie umfasst das Niederziehende, Lebensvernichtende der Existenzangst einerseits und andererseits „…die trotz allem lebendige Möglichkeit, dieses Gewicht zum Aufbau des Geistigen zu verwenden, es sogar als jene Verwundung zu begreifen, aus der sich in gesteigertem Maße – mehr als beim Gesunden – die Möglichkeit von Heil und Heilung bietet“ (H.-B. Gerl-Falkovitz).
Der Sprung zu Gott
Augustinus beschreibt diesen kaum fassbaren Vorgang in seinen Bekenntnissen mit zwei Sätzen: „Du hast uns auf dich hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ (Conf. I,1) - „Und siehe, du warst in meinem Innern, und ich war draußen.“ (Conf. X,27) – Während der erste Satz den Sprung zum Schöpfer meint, in dem unser Sein, mit all seiner Widersprüchlichkeit, seine letzte Antwort findet; verweist der zweite Satz auf ein Geheimnis: Ist in dem, was ich in meinem Inneren als existentielle Verzweiflung und Grenze erlebe, nicht Gott schon immer schöpferisch gegenwärtig?
Anders und zugespitzter: Handelt es sich bei dem, was ich als Verzweiflung an meiner Existenz und als Bedrohung meines Lebenssinns erlebe, vielleicht um das anvertraute Pfund, das ich nicht vergraben, wegwerfen und verstecken brauche, sondern in das Reich Gottes investieren soll?
Das ist schwer zu begreifen. - Soll das heißen,
dass das mir zugemutete Schicksal von Gott gewollt ist? Sicherlich nicht! Es
heißt vielmehr: Auch dort, wo mich mein Schicksal an eine Grenze stellt, hört
Gottes Wirken nicht auf. Denn wo meine Seele sagt, dass meine Existenz verfehlt
und mein Leben sinnlos ist, dort widerspricht der Gott, über den der Psalmist
sagt: „Er wird mein Leben nicht dem Tode preisgeben“ (vgl. Ps. 22).
Gott will, dass ich lebe
Gott will also, dass ich lebe – und dass ich
auferstehe. Oder um es angelehnt an Augustinus neu zu sagen: dort in meinem
Inneren, wo ich in meiner Verzweiflung fest sitze, ist Gottes ausgestreckte
Hand bereits da, um mich ins Leben hinüberzuziehen. Jetzt erst wird greifbar,
was „Mut zum Sein“ in der Tiefe bedeutet: es bedeutet, in Gottes Hand
einzuschlagen und sich - mit der zugemuteten Grenze - hineinziehen zu lassen in
die Teilhabe an seinem Sein. Nur dort liegt Lebenssinn. Nur dort wird die
Bedrohung meiner Existenz in ein neues, auferstandenes Dasein verwandelt.
Kleine Schritte auf dem Weg
Mein Ziel war es, mich einem Phänomen anzunähern, dem wir in der Seelsorge immer wieder begegnen. Mir ist bewusst, dass das Ringen der Menschen, die vor einer existentiellen Grenze stehen, schwer zu fassen ist. Es entzieht sich unseren Vorstellungen von Heilung, Veränderung und auch unserem Bild eines „gelingenden Lebens“. Und doch: diese Menschen sind da - in unseren Gemeinden, in unseren Gesprächen, in unseren Gottesdiensten. Darum geht uns ihre Last etwas an.
1. Selbst verstehen
Mittragen kann nur dort entstehen, wo wir uns
ehrlich mit dem Erleben jener auseinandersetzen, die mit existentiellen Grenzen
ringen. Zugleich müssen wir dieses Erleben theologisch und anthropologisch
durchdringen. Dazu gehört auch, Theorien zurechtzurücken, die geeignet sind,
die Last dieser Menschen kleinzureden - etwa relativistische Ansätze, die alles
in Pluralität auflösen, oder eine erfolgsorientierte Seelsorge, die Heilung und
Veränderung um jeden Preis fordert.
2. Zeit und Geduld
Wir dürfen nicht erwarten, dass Menschen, die
sich einer solchen Grenze gegenüber sehen, die hier beschriebenen Zusammenhänge
sofort verstehen. Nehmen wir uns Zeit, das Thema selbst innerlich zu
durchdringen, und gehen wir mit den Betroffenen einen behutsamen Weg der
Vermittlung.
3. Trösten und ermutigen
Tillichs Gedanke des Muts zum Sein zeigt, dass Begleitung nicht allein durch Verstehen geschieht. Es geht um Annahme des eigenen Schicksals, um das Bejahen tiefer Existenzängste und um das Ringen mit Sinnverlust. Seelsorge muss daher trösten und ermutigen zugleich - Verzweiflung und Angst verstehen, aber immer wieder neu zum Leben einladen.
4. Vertraut machen mit Gott
Der „Sprung“, den betroffene Menschen wagen
müssen, gelingt nur im Gebet und kann nur auf Vertrauen in Gott gründen.
Deshalb sollten wir in der Seelsorge viel Zeit darauf verwenden, Menschen mit
Gott und seinem Wesen vertraut zu machen. Dabei werden wir der Enttäuschung
begegnen, die viele von ihnen gegenüber Gott empfinden. Die behutsame
Hinführung zur biblischen Betrachtung, die den Immanuel, den „Gott mit uns“,
erfahrbar macht, ist hier entscheidend. (Siehe nächster Beitrag!)
5. Die Entscheidung
Vor allem Frankl betont die Freiheit und Entscheidung des Menschen. Auch Tillich, wenn er vom Mut spricht, oder Guardini, wenn er den Sprung zu Gott beschreibt, sehen darin den Wendepunkt. Diesen Ruf zur Entscheidung dürfen und müssen wir Betroffenen vor Augen stellen - er ist die Voraussetzung für das Wagnis, sich auf Gott einzulassen. Wann ein Mensch dazu bereit ist, liegt allein in seiner Hand. Drängen oder bedrängen wir, stoßen wir ihn womöglich in den Abgrund. Seelsorge braucht daher Geduld und Einfühlung in die Tiefe der Situation. Denn wer eine Grenze annimmt, opfert einen Teil seiner Wünsche an das Leben.
6. Das Wort zur Erfahrung werden lassen
Vertrauen in Gott wächst nicht allein aus dem
biblischen Wort. Es muss zur Erfahrung werden, zur eigenen Geschichte. Darum
ist die Einführung in ein dialogisches Gebet, in dem der Mensch sich in seinem
Schicksal von Gott gesehen weiß, ein entscheidender Weg. Im nächsten Beitrag
soll diese Form des Gebets näher entfaltet werden.
7. Treue im Anvertrauten
Wer das Ziel dieses Weges kompakt begreifen will, kann sich an der Gleichnisgeschichte von den anvertrauten Pfunden (Mt 25,14–30) orientieren. Viele Betroffene fragen: Warum gerade ich? Warum dieses Schicksal - und andere nicht? Doch das Gleichnis zielt nicht auf den Vergleich, sondern auf die Treue: Wie gehe ich mit dem um, was mir gegeben ist?