Presseerklärung zur Veröffentlichung des Kurzgutachtens des BGM swap_horiz

1. Wir betreiben weder Konversionstherapie noch fokussieren wir in der Beratung auf Veränderung von sexueller Orientierung:

Wie in der Presseerklärung vom 14.6.2019 zum Thema Konversionstherapie bereits erklärt, betreiben wir keine Konversionstherapie, weder auf der Ebene der Therapie, Beratung, des Coachings, noch auf spiritueller Ebene. Wir bieten also keine Behandlungsmaßnahmen an, mit denen auf die Ausübung der sexuellen Orientierung zwecks Änderung oder Unterdrückung eingewirkt wird.

Wir wissen zwar, dass wir durch Berichte von Veränderungen von sexuellen Orientierungen in den Verdacht geraten, solche durch Beratung gezielt anzustreben. Dazu erklären wir aber Folgendes:

  • Am Beginn unserer Arbeit 1995 stand die Frage, ob sich eine sexuelle Orientierung verändern kann, im Mittelpunkt unserer Arbeit. Wir haben damals zunächst als Selbsthilfebewegung begonnen, und das Thema Homosexualität war Teil unseres eigenen Erlebens. Im Laufe der Zeit mussten wir erkennen, dass sich sexuelle Orientierungen nicht einfach verändern lassen. So war einigen Menschen in unserem Umfeld eine Veränderung ihrer sexuellen Orientierung möglich, anderen aber nicht.
  • Je mehr wir uns für den Bereich der psychologischen Beratung qualifizierten und den Bereich der Sexualität erforschten, um so klarer erkannten wir, dass Sexualität nicht direkt einer Beratung oder Therapie zugänglich ist. So ist vor allem das sexuelle Begehren etwas, das der Mensch in sich vorfindet, und das er auch nicht direkt durch irgendwelche Methoden beeinflussen kann.
  • Bei der kritischen Prüfung, warum einige Menschen eine Veränderung erlebten und anderen nicht, erkannten wir, dass Veränderungen signifikant häufig bei Menschen vorkamen, bei denen das sexuelle Verhalten mit einem eindeutig identifizierbaren nicht-sexuellen Konflikt verbunden war. Allerdings war auch in dieser Gruppe die Veränderung nicht allen einfach möglich.

So erkannten wir, dass Veränderungen der sexuellen Orientierung vorkommen können, dass diese aber eher zufällig auftraten, weshalb wir die Gesamtausrichtung unserer Beratung veränderten, uns von bestimmten Programmen verabschiedeten, die eine Veränderung suggerierten, und uns neben den Themen Missbrauch, Hypersexualität etc. auf die Begleitung von Integrationskonflikten des sexuellen Erlebens bei Menschen konzentrieren, die zu uns kommen.

Heute sagen wir immer wieder, dass die Sexualität ein komplexes bio-psycho-soziales Konstrukt im Menschen ist. Das Versprechen einer Veränderung ist daher unseriös, ebenso die Forcierung von Veränderung durch Beratung oder Therapie.

2. Ein Konversionsverbot kann sich auf Berichte von Veränderung auswirken

Da an uns immer wieder Menschen mit dem Ziel einer gezielten Veränderung überwiesen wurden, haben wir bereits vor Jahren Berichte veröffentlicht, in denen Menschen zu Wort kamen, die eben solche Veränderungen nicht erlebt haben. Daneben haben wir auch von Menschen berichtet, die eine Veränderung erlebt haben.

Mit diesen Berichten wollten wir vor allem einem simplifizierten Veränderungsglauben, der in manchen christlichen Kreisen vorhanden ist, entgegenwirken. Wir wollten damit aber auch das Verstehen über Sexualität und Dynamiken in der Sexualität vermitteln. Unser Anliegen dabei war es, die verschiedenen Gesichter sexueller Orientierungen zu Wort kommen zu lassen.

Durch das jetzt vorliegende Rechtsgutachten (1), das von einer Stabilität der sexuellen Orientierung ausgeht, obwohl in allen Studien seit Alfred Kinsey das menschliche Sexualverhalten als im hohen Maß fluide dargestellt wird, müssen wir aber davon ausgehen, dass jegliches Reden über Fluidität und Veränderung von sexuellem Erleben und sexuellen Orientierungen künftig nicht mehr möglich sein wird. Selbst dann, wenn es sich bei den Veränderungen um spontan auftretende Effekte handelt, die nicht im Rahmen einer „Konversions-„ oder „Reorientieungstherapie“ gezielt angestrebt wurden. Das rechtswissenschaftliche Kurzgutachten für das Gesundheitsministerium möchte zwar nicht verbieten, dass es Therapien geben darf, bei denen die sexuelle Orientierung einen „Kontextfaktor“ bildet. Aber offenbar wird die grundsätzliche Fluidität der menschlichen Sexualität so grundsätzlich verneint oder ignoriert, dass dabei nicht in den Blick genommen wird, dass auch durch Therapien, die eine Veränderung der sexuellen Orientierung nicht intendieren, eine solche Veränderung eintreten könnte.

In Malta, wo das Verbot von „Konversionstherapie“ seit 2016 (2) besteht, wurde das Casting-Interview eines Sängers, der berichtet, dass er seine homosexuelle Lebensweise hinter sich gelassen hatte, als er Christ geworden war, als unerlaubte Bewerbung von Konversionstherapie gewertet. (3)

Folgt man dem veröffentlichten Rechtsgutachten des Bundesgesundheitsministeriums, so könnten eine Privatperson sich künftig allein schon deshalb in einem strafrechtlich relevanten Bereich bewegen, weil sie entweder darüber berichtet, dass sie aus Glaubensgründen ihre Homosexualität nicht leben möchte, oder dass sie eine tatsächliche Veränderung erlebt hat.

So ist zu befürchten, dass bereits der Bericht über eine erlebte Veränderung als eine Diskriminierung von homosexuell empfindenden Menschen gewertet werden könnte. Denn ein solcher Bericht kann ja durchaus als Werbung oder Vermittlung von Angeboten verstanden werden, die nach dem Rechtsgutachten einen „Diskriminierungseffekt durch Pathologisierung oder Stigmatisierung“ bewirken könnten.

3. Ein Konversionsverbot kann sich auf die Wissenschaftsfreiheit auswirken

Ebenso sieht das Gutachten ein Verbot der Erforschung von Veränderung der sexuellen Orientierung vor, was ein Eingriff in das Recht auf Wissenschaftsfreiheit nach Art. 5 GG darstellt.

Denn das Rechtsgutachten schließt offenbar aus, dass es überhaupt irgendwelche Veränderungen im Bereich sexueller Orientierungen kommen kann - egal ob spontan oder als Begleiterscheinung einer Therapie oder Beratung. Daher könnten Berater und Therapeuten angeblich auch gar kein Forschungsinteresse haben, da sie angeblich nur bereits vorhandene falsche Vorannahmen durch die Begleitung von Menschen in die Tat umsetzten.

Damit dürfte man also künftig nicht mehr die Frage stellen, wie es zu spontanen Veränderungen der sexuellen Orientierung kommt, die ja auch von Sexualwissenschaftlern und Lehrstuhlinhabern in Deutschland publiziert wurden. Ebensowenig dürfte man wissenschaftlich erforschen, warum es gerade im Altersabschnitt zwischen 12 und 22 Jahren noch zu großen Verschiebungen im Bereich sexueller Orientierung kommt, wie sie zum Beispiel durch die europaweite Untersuchung (4) dokumentiert wurde.

Anstatt eine solide Antwort für die hohe Fluidität von sexueller Orientierung im Jugendalter zu finden, in der sich die Persönlichkeit eines jungen Menschen entfaltet, nimmt man durch den Ausschluss der Forschung und durch die Behauptung, sexuelle Orientierung sei immer unveränderlich, in Kauf, dass Jugendliche eher zu einem Coming Out gezwungen werden, als dass sie zu einem selbstverantworteten Verstehen ihrer Sexualität angeleitet werden.

4. Sorge von Betroffenen

Bereits jetzt reagieren Betroffene auf ein bevorstehendes Konversionsverbot, weil sie ihr Selbstbestimmungsrecht im Bereich ihrer Sexualität bedroht fühlen. Betroffene sagen daher zum Beispiel:

  • „Mein gesamter Lebensentwurf und meine Familie, die ich gegründet habe, wird nicht mehr"nur" noch in Frage gestellt, sondern auf einmal sogar kriminalisiert. Habe ich in einem demokratischen Staat keine Wahl mehr, wie ich mein Leben und meine Sexualität gestalten möchte? Herr Spahn schreibt vor:einmal schwul - immer schwul - alles andere ist kriminell.“ Andreas, 40
  • „Ich habe aus meine Lebensgeschichte heraus erkannt, dass meine homosexuelle Neigung auf einer Sehnsucht nach Jugendlichkeit beruht und die Funktion hat, Verletzungen zu kompensieren. Andere mögen ihre Homosexualität als gesund empfinden. Ich möchte aber meinen eigenen Erkenntnissen folgen und meine meine Homosexualität kritisch reflektieren dürfen und frei sein, sie nicht ausleben zu müssen. Dafür benötige ich beratende Begleitung und möchte dies für mich auch zukünftig in Deutschland legal in Anspruch nehmen können, genauso wie andere Menschen auch Zugang zu jeder Beratung haben, die sie wünschen. Dies sehe ich durch das geplante Gesetz in Gefahr, weil es nicht Konversionstherapie, die schadet, verbieten will, sondern alle möglichen Formen der reflektierenden Beratung. Ich habe Angst, dass ich mich durch diesen meinen Weg in Zukunft strafbar mache.“ Jannik, 44 Jahre
  • „Wenn ein Gesetz im Duktus der bisherigen Vorlagen des Bundesgesundheitsministeriums kommt, wird der von mir frei gewählte Lebensentwurf massiv eingeschränkt. Da bereits meine Lebensgeschichte und damit mein geworden sein kriminalisiert wird. Ich darf mich dann nicht mehr frei zu meiner Geschichte und meinen Überzeugungen äußern ohne mich strafbar zu machen. Das bedeutet für mich, einem massiven Eingriff in meine Persönlichkeit ausgesetzt zu sein, und dass meine pure Existenz einen Straftatbestand darstellt. Damit wird mir dann auch die Würde meines Mensch- und Mannsein genommen.“ - David 47 Jahre“
  • „Ich bin gegen jede Form der Konversionstherapie. Das, was ich aus den Erklärungen der Kommission lese, die von Jens Spahn eingesetzt wurde, geht aber weit über ein Verbot von Konversionstherapie hinaus. Dort lese ich zum Beispiel, dass ich als homosexuell empfindender Mensch nicht fähig bin, über meine sexuelle Orientierung nachzudenken. Oder ich lese, dass ich nicht über meine Erfahrungen mit meiner Sexualität reden darf, ohne so etwas wie Konversionstherapie zu bewerben. Für mich klingt das nicht mehr nach dem Verbot einer wirkungslosen Therapieform, sondern nach einem Übergriff auf mein Denken, Wahrnehmen und Fühlen. Was ich in meiner Sexualität erkenne, das entspringt meiner Wahrnehmung. Wie ich sie beurteile, unterliegt meiner eigenen Moral. Der Staat, der darin eingreift, handelt totalitär.“ - Mike, 37
  • „Ich fühle heterosexuell und manchmal homosexuell und bin mit einer Frau verheiratet. Wenn ich die Dokumente, die das Bundesgesundheitsministerium jetzt veröffentlich hat, ernst nehme, dann kommt mein Fall dort gar nicht vor. Sollte ich in meiner Situation künftig auf Beratung zurückgreifen wollen, dann muss ich befürchten, dass man mich zur Trennung von meiner Frau verpflichtet und mich ermutigt oder zwingt, meinen homosexuellen Anteil zu leben. Das kann doch sicherlich nicht gewünscht sein und wirft verfassungsrechtliche Fragen auf, weil meine Würde als Mensch und das damit einhergehende Recht aus sexuelle Selbstbestimmung unzulässig eingeschränkt würde. Ebenso wäre der Gleichbehandlungsgrundsatz außer Acht gelassen. Denn so wie jeder homosexuell empfindende Mensch sich für eine schwule Partnerschaft entscheiden kann, sollten auch Menschen wie ich die Möglichkeit erhalten, sich dagegen zu entscheiden, ohne Angst haben zu müssen, kriminalisiert zu werden oder strafbar zu handeln.“ Ralf, 54 Jahre
  • „Was ich in der Presse vom Verbot von Konversionstherapie höre, will mein Leben und mein Erleben mundtot machen und kriminalisieren. Ich habe Veränderung im Bereich meiner Sexualität erlebt und ich verlange die Freiheit, auch dadrüber sprechen zu dürfen.“ Felix, 38
  • „Ich bin eine Frau, die homoerotisch ansprechbar ist - und die einen Weg der Selbstreflexion und biographischen Arbeit gegangen ist. Dabei habe ich langsam entdeckt: meine Identität ist gar keine Lesbische, auch wenn die Stärke der Impulse es mich lange glauben machte. Ich habe inzwischen gelernt, sehr genau wahrzunehmen, welche tieferliegenden, eigentlich nicht-sexuellen Motive es sind, die Frauentypen für mich attraktiv machen oder mich von echter Intimität mit Männern abhalten. Aufgrund meiner Beobachtungen und meines Gewissens habe ich für mich entschieden, die Neigung nicht auszuleben zu wollen und Hilfe zu suchen, um als Person zu reifen; In meiner Identitätskrise habe ich auch therapeutische Hilfe gesucht. Es war nicht leicht, jemanden zu finden, der mich unter diesen Vorzeichen begleiten wollte! Und das hat weh getan, war entmutigend!
    Ich habe dann professionelle, Vertrauenswürdige Hilfe gefunden. Seither bin ich um ein vielfaches freier geworden, empfinde weniger Scham und Unsicherheit. Ich erlebe auch, dass meine SSA abgenommen hat, dass ich weniger abhängig und getrieben bin.
    Das geplante Gesetz pathologisiert Lebensentwürfe wie meinen und negiert Menschen wie mich. Es macht mich wütend und traurig, dass Menschen, die in der Frage ihrer sexuellen Orientierung oder Identität unsicher sind (oder auch verletzt in homosexuellen Beziehungen) massiv in eine Richtung gedrängt werden, ohne dass ihnen sachliche Information oder ergebnisoffene Beratung zugestanden wird - zwei unentbehrliche Voraussetzungen für gereifte Entscheidungen.
    Auch redliche Therapeuten oder Seelsorger werden durch Kriminalisierung eingeschüchtert. Das untergräbt nicht nur Forschungsfreiheit und ein tieferes Verständnis der Phänomene - es verwehrt den Betroffenen auch Anlaufstellen, die ihre Selbstbestimmung achten und unterstützen.“ Pia, 33
  • Ich dachte, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Ich sehe meine Würde zutiefst bedroht, d. h., mir wird eine Lebensform vorgeschrieben, in der ich keine Erfüllung finden kann bzw. konnte. Da ist es naheliegend, sich die Frage zu stellen, warum mich eine solche Lebensform denn nicht glücklich macht. Die Frage habe ich mir gestellt und erkannt, dass ich zutiefst verunsichert in meinem Mannsein war und eigentlich was ganz anderes suchte und suche als Sex mit einem Mann. Ich habe mich selber gesucht, meine eigene Männlichkeit, mein eigenes Mannsein, aber nie gefunden. Gefunden habe bzw. immer mehr finde ich meine eigene Männlichkeit und mein Mannsein in Freundschaften mit Männern, in denen ich einfach einer von ihnen bin und in denen es nicht um Sex mit einem Mann geht. Solche Beziehungen erfüllen mich und fühlen sich für mich gut an. Und jetzt soll mir als hs-empfindender Mann das Recht abgesprochen werden, meine Empfindungen zu reflektieren und meine Erkenntnisse über Bord zu werfen? Erkenntnisse und Erleben eines Mannseins, das sich gut und stimmig für mich anfühlt. Hier wird meine Menschenwürde und mein Leben auf Selbstbestimmung mit Füßen getreten und verachtet. Das macht mir Angst und bedroht mich!“ Paul 54 Jahre
  • „Mir wird vorgeschrieben wie ich meine Sexualität zu leben habe. Wie es mir damit geht und was ich will, wird dabei einfach ignoriert und als nicht relevant eingestuft. Mein Recht auf freie Lebensgestaltung wird mir hiermit verwehrt und zugunsten anderer mit Füßen getreten. Es macht mir Angst, in einem Staat zu leben, der besser wissen will, was gut für mich ist, als ich selbst.“ Joscha, 28 Jahre

gez. Markus Hoffmann 17.06.2019

Endnote

(1) https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse...

(2) „Affirmation of Sexual Orientation, Gender Identity and Gender Expression Bill“ - vgl. https://www.parlament.mt/Motiondetails?mid=993&leg...

(3) https://www.christianconcern.com/our-issues/freedo...

(4) A census-repreantative survey of 11.754 people across EU conducted in August 2016 by Diala research - https://daliaresearch.com/counting-the-lgbt-popula...