Beratung - Sucht swap_horiz

Unser Beratungsangebot richtet sich allgemein an Frauen und Männer mit Konflikten im Bereich ihrer Identität, ihrer Sexualität, ihres Selbstwertempfindens und ihres Beziehungserlebens. Manche Menschen, die mit solchen Konflikten in ihrem Alltag zu tun haben, entwickeln auch ein suchthaftes Verhalten im Bereich der Sexualität. Sie suchen unsere Hilfestellung häufig dann, wenn ihr Verhalten bereits negative Folgen zeigt im Bereich ihrer Ehe oder Freundschaften, bei der Arbeit, oder weil sie für Sex sehr viel Geld ausgeben.

Was kann Sexsucht sein?

Unkontrolliertes, suchtartiges Verhalten im Bereich der Sexualität kann bedeuten, dass Menschen zwanghaft häufigen Geschlechtsverkehr aufsuchen (häufig promisk, also mit häufig wechselnden Geschlechtspartnern), dass sie sich häufig am Tag selbstbefriedigen, dass sie regelmäßig Telefonsex oder sogenannten Cybersex sehr häufig praktizieren, wie Pornographie-Konsum, Sex-Chat im Internet, Cam-Sex (also mit Live-Bildern andere Menschen nackt oder bei der Sexualität beobachten oder sich selbst nackt vor einer Kamera zeigen).

Gerade Internet-Sex (Pornographie, Chat, Cam) ist heute leicht zugänglich, meist kostenlos, hat zunächst wenig Risiken und Folgen und belohnt den Konsumenten in der Regel mit einem schnellen sexuellen Rausch. Für eine kurze Zeit sind alle Anspannung, alle Einsamkeit, alle Scham, alle Frustrationen vergessen und der Stress, der sich im Körper angestaut hatte, ist hormonell verarbeitet.

Wegen dieser leichten Zugänglichkeit und der genannten Wirkungen kann schnell eine Gewöhnung eintreten: zunächst eine Gewöhnung im Verhalten, dann auch eine Gewöhnung im hirnorganischen und hormonellen Erleben. Als süchtig erlebt man sich meistens dann, wenn man das Gefühl hat, seine Sehnsuchtsgefühle oder seine emotionalen Tiefs gar nicht anders als mit sexueller Befriedigung lösen zu können.

Wann spricht man von Sucht

Im Bereich der Sexualität ist der Begriff der Sucht nicht unumstritten. Im wissenschaftlichen Bereich spricht man im Zusammenhang mit Sexsucht am häufigsten von Hypersexualität. Manche Sexualwissenschaftler kritisieren an der Diagnose einer Sexsucht insbesondere, dass es nicht ausreichend sei, etwas Ungesundes an der Sexualität allein an der Häufigkeit sexueller Erregung oder sexueller Handlungen oder Orgasmen festzumachen.

Dennoch ist man sich einig, dass die Häufigkeit sehr wohl ein wichtiger Indikator ist, um ein Suchtverhalten festzustellen.

Zunächst ist bei der Diagnose aber immer Vorsicht geboten. Nicht jeder, der sich selbst als süchtig wahrnimmt oder beschreibt, hat tatsächlich eine Sucht. Manche Menschen beschreiben sich allein deshalb als süchtig, weil sie keine vollständige Kontrolle über ihr sexuelles Begehren haben. Für sie ist es bereits Sucht, wenn sie einmal im Monat dem Drang nachgeben, Pornographie zu konsumieren und sich dabei selbst zu befriedigen.

Wann aber könnte man tatsächlich von Sucht sprechen? Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch schlägt im Deutschen Ärzteblatt (Volkmar Sigusch: Leitsymptome süchtig-perverser Entwicklungen. In: Deutsches Ärzteblatt. 99, Heft 50, 2002, S. A 3420–3423) vor, sich an den „Leitsymptomen der süchtig-perversen Entwicklung“ zu orientieren, die der Sexualwissenschaftler Hans Giese schon 1962 in seiner „Psychopathologie der Sexualität“ beschrieben hat. Diese Leitsymptome sind (zusammengefasst)

  • keine Souveränität mehr gegenüber sinnlichen Eindrücken, man wird vom Sinnlichen beherrscht
  • zunehmende Häufigkeit bei immer geringerer Befriedigung
  • Promiskuität und Anonymität als Anzeichen, dass der Betroffene keine Beziehungen eingehen kann
  • ein fortschreitender Verlauf des Ausbaus von Phantasien und auch deren Umsetzung, soweit, dass die ganze Persönlichkeit mehr und mehr von sexuellen Wünschen beherrscht wird
  • ein sich ausgeliefert fühlen wie bei einem Süchtigen gegenüber Drogen
  • ein starker Wiederholungszwang, begleitet von Unruhe und starker Reizbarkeit

Auch Christen können süchtig sein!

Auch in christlichen Kreisen ist Pornographie kein seltenes Problem. Zwar kann eine tief erlebte Beziehung zu Gott und das Integriertsein in eine geistliche Gemeinschaft eine gute Stütze sein, um erst gar nicht in die Pornofalle zu tappen oder um wieder davon loszukommen. Aber es gibt auch Faktoren, die das Problem verschärfen können. In christlichen Gemeinden kann es vorkommen, dass das Sprechen über Gefühle und Bedürfnisse als etwas Unwichtiges abgetan wird, dass man über empfundene körperliche Defizite oder über Scham und Ängste nicht wirklich sprechen kann, dass die Entdeckung der eigenen individuellen Stärken vernachlässigt wird, weil man eher auf die Normierung achtet, und dass die Fragen, die mit dem Erwachen der sexuellen Empfindungen aufkommen, nicht thematisiert oder höchstens moralisiert werden. In einer solchen Gemeinde kann es Menschen, gerade auch Heranwachsenden, sehr schwer fallen, die eigene Körperlichkeit, die eigenen Stärken und Schwächen, die Beziehungswünsche und die eigene Sexualität in die Persönlichkeit gesund zu integrieren. All das kann begünstigen, dass Menschen den Ausweg in der phantasierten Sexualität suchen, um empfundene Konflikte und Defizite und Frustrationen zu bewältigen.

Woran arbeiten wir in der Beratung, wenn du entdeckt hast, dass du süchtig bist – oder wenn du merkst, dass du zumindest eine Neigung dazu hast, unerfüllte Bedürfnisse und Frustrationen durch Sexualität zu kompensieren?

1. Sucht ist nur durch gezielte Verhaltensänderung zu regulieren

Die Verhaltensänderung soll zunächst die Sucht minimieren. Das heißt, am Anfang muss der Süchtige erst einmal ein Verstehen darüber aufbauen, was die Auslöser für sexuelles Streben und Agieren ist und welche seelische Notwendigkeit damit verknüft ist. Durch das Erarbeiten solcher Zusammenhänge soll allmählich wieder die Kontrolle über das eigene Verhalten zurückgewonnen werden. Erst dann wird es möglich sein, sich den dahinter liegenden inneren Problemen zu stellen. Daher konzentrieren wir uns am Anfang einer therapeutischen Begleitung immer zunächst auf die konkrete Verhaltensänderung im Alltag, um das Ausgieren der Sucht deutlich zu vermindern. Vorher ist keine Arbeit an tieferliegenden Konflikten im Bereich der Identität, des Beziehungserlebens, des Selbstwertes usw. möglich.

2. Wir unterscheiden zwischen Verhaltensänderung ersten und zweiten Grades.

2.1. Verhaltensänderung ersten Grades (kurz- bis mittelfristige Lösung)

(a) Äußere Ablenkung: Ich denke mir drei Dinge aus, die ich tue, wenn der Suchtdruck kommt. Diese Dinge sollten konkret und immer verfügbar sein: Ich lese einen Krimi von XY. Ich spiele Klavier. Ich gehe Laufen (d.h., ich brauche bereitstehende Laufschuhe und Laufbekleidung).

(b) Innere Ablenkung: Ich habe drei Dinge, über die ich nachdenken kann und die mich innerlich ablenken. Beispiel: Ich plane meinen Urlaub. Ich denke über den nächsten Vortrag nach. Ich plane das Programm meiner Jugendgruppe. Ich überlege, wo ich mein Geld anlegen kann.

(c) Entspannungstechnik: Ich lerne eine Entspannungstechnik. Grund: Der Süchtige leidet normalerweise an einem Verlust des Körperempfindens. Er nimmt Spannungen (Suchtdruck oder Unwohlsein, Frustrationen) nicht mehr wirklich wahr. Durch die Entspannung soll ihm geholfen werden, den Körper wieder zu resensibilisieren. Dies hilft später zur Suchtunterbrechung. Zu empfehlen ist zum Beispiel die progressive Muskelentspannung nach Jacobson.

(d) Entspannung allgemein: Ich finde heraus, was mich wirklich entspannt. Zu achten ist hierbei auf aktive und passive Wege der Entspannung gleichermaßen. Passiv: Musik hören. Aktiv: Schwimmen.

(e) Kontakte: Ich brauche drei Personen, die ich im Falle eines Suchtanfalls anrufen kann. Sie sollten über mein Problem Bescheid wissen, mit mir beten können und mich an die Dinge erinnern, die ich nach dem Auflegen des Hörers tun kann.

2.2 Verhaltensänderung zweiten Grades (mittel bis langfristig):

(a) Alle genannten Strategien sollen beibehalten werden. Die allgemeine Entspannung sollte ausgeprägt werden, so dass daraus vielleicht ein Hobby und eine regelmäßige Praxis entsteht.

(b) Soziales Netz aufbauen: Ich brauche ein soziales Netz, das mir neben positiven Anforderungen auch Entspannung und Annahme bringt.

(c) Selbstkompetenzverhalten aufbauen: Da ich immer dann in Frustrationen gerate, wenn ich mich minderwertig, beschämt, ohnmächtig oder erfolglos fühle, muss ich an meinem Selbstkompetenzverhalten arbeiten: Bedürfnisse äußern; Rechte durchsetzen; sich als wertvoll erachten; das, was man tut, wert achten.

(d) Arbeit an Zeitstrukturen: Ich muss meine Zeitstruktur ordnen und einen geregelten Wochenrhythmus erlernen: was tue ich wann?

(e) Es können zeitliche Überlastungen bearbeitet werden. Da diese oft an tiefen emotionalen Entscheidungen und Konflikten hängen, ist hier eine Tür zu tiefer emotionaler Arbeit.

Erst wenn durch solche Schritte eine Stabilisierung stattgefunden hat, ist es möglich, an anderen Defiziten zu arbeiten – wenn der Ratsuchende das wünscht.

Schließlich wollen wir Menschen nicht nur darin unterstützen, weniger süchtig zu sein oder Pornographie aus dem Leben zu verbannen. Vielmehr wollen wir Männer und Frauen ganzheitlich dahin begleiten, dass sie als Mann oder Frau glücklich leben und in der eigenen Identität und Persönlichkeit weiter reifen können. Wir wollen dabei helfen, Sexualität als etwas Schönes zu erleben; als etwas, das den Menschen nicht beherrscht, ihn nicht quält und nicht beschämt. Sondern als etwas, das mit der ganzen Kraft und Schönheit des Frau- oder Mannseins und mit der Liebe zu einem anderen Menschen verbunden werden kann.