Eltern-Netzwerk swap_horiz

Wenn unser Kind sich „outet“...

Wir begleiten und beraten seit einigen Jahren auch Eltern,

  • - deren Sohn oder Tochter im Heranwachsen Probleme mit der geschlechtlichen oder sexuellen Identität hat;
  • - deren Sohn oder Tochter sich als schwul oder lesbisch geoutet hat – und sich manchmal längst entschieden hat, diese Empfindungen auch in einer Partnerschaft zu leben;
  • - deren Sohn oder Tochter sich nicht mit dem eigenen biologischen Geschlecht identifizieren kann, den eigenen weiblichen oder männlichen Körper ablehnt;
  • - deren Sohn oder Tochter sich als bisexuell bezeichnet;
  • - die gerade erst von der sexuellen Orientierung ihres Kindes erfahren haben oder schon seit vielen Jahren versuchen, mit der Situation zurecht zu kommen. All diesen Müttern und Vätern bieten wir Beratung, regelmäßigen Austausch über das Telefon und jährlich stattfindende Elterntage an. Bei den Elterntagen:
  • - informieren wir über den wissenschaftlichen Stand und unsere Erfahrungen im Bereich Homosexualität, Bisexualität und Transsexualität;
  • - versuchen wir als Berater aber auch als Eltern, untereinander Rat zu geben bei ganz konkreten Fragen des Alltags;
  • - gestalten wir einen offenen Austausch untereinander, zur gegenseitigen Stärkung und Ermutigung;
  • - richten wir uns auf Gott aus, um ihm unser eigenes Leben und das Leben der Töchter und Söhne ganz anzuvertrauen und von IHM her die Liebe zu empfangen, die wir gerade auch in den Herausforderungen so dringend benötigen. Dass Kinder ganz andere Wege gehen können, war mir theoretisch bekannt. Als aber ausgerechnet unsere Tochter Stella, die überall als Vorzeigekind gesehen wurde, erzählte, dass sie eine Beziehung mit einer Frau eingegangen war, traf mich das völlig unerwartet. Heiraten und Kinder zu bekommen war früher selbstverständlich für sie. Auch gab es Beziehungen mit Männern, die jedoch auf Enttäuschungen hinausliefen. Meine Gefühle waren nach Stellas Outing bis in die Grundfesten erschüttert. Trauer, Wut und Scham beherrschten meine Gedanken - und leider auch die Beziehung zu meiner Tochter.“ Väter und Mütter wie Henriette melden sich immer wieder bei uns und bitten um Rat und Hilfe in einer für sie sehr schweren und herausfordernden familiären Situation. Sie sehen sich z.B mit der Tatsache konfrontiert, dass ihr erwachsenes Kind gleichgeschlechtlich empfindet, mit seiner Identität ringt oder sich im falschen Körper gefangen fühlt. Immer wieder berühren uns hier im Institut die Erzählungen der Eltern, und es fällt uns nicht schwer, für sie ein offenes Herz zu haben.

    Am Anfang stehen oft der Schock und die Schuldfrage – und dann die Trauer

    Sind die Eltern von ihrem Sohn oder ihrer Tochter darüber informiert worden, dass sie homosexuell, bisexuell oder transgender empfinden, so stehen zu Beginn meist der Schock und die Fassungslosigkeit.

    Manche Eltern haben schon länger „etwas geahnt“, andere sind völlig überrascht. Oft fragen sie sich, was sie falsch gemacht haben.
    Und tatsächlich stimmt es ja, dass Mutter und Vater und deren Umgang miteinander und mit ihrem Kind sehr viel Einfluss darauf haben, was sich im Kind an Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Körper und dem Mädchen- oder Jungesein entwickeln kann. Gleichzeitig hilft aber die Schuldfrage nicht weiter. Was ein Kind aus dem Erleben mit seinen Eltern interpretiert und zu welchen Reaktionen es sich entschließt, ist auch etwas, das auch bei sehr liebevollen Eltern unerkannt im Kind stattfindet. Und ohnehin gibt es für so etwas Komplexes, wie die Entstehung einer gleichgeschlechtlichen Anziehung oder den Wunsch, dem anderen als dem biologischen Geschlecht anzugehören, keinen Schuldigen.
    So ernst wir die Schuldgefühle der Eltern nehmen, so wichtig ist uns daher auch, ihnen dabei zu helfen, dass sie mehr und mehr differenziert auf die Entwicklung und die Entscheidungen ihrer Tochter oder ihres Sohnes schauen können.
    Damit ist jedoch nicht die große Trauer behoben, die Eltern darüber empfinden, dass ihr Kind von einem Lebensschicksal betroffen ist, das auch ihre Sicht auf das Leben betrifft. Die Trauer darüber, dass der Sohn, die Tochter vermutlich nicht heiraten und Kinder bekommen und damit nicht das fortführen wird, was schon den Eltern wichtig war, ist groß. Wenn Kinder homosexuell empfinden oder sich im falschen Körper fühlen, müssen die Eltern sich von vielen Wunschbildern und Idealvorstellungen verabschieden.
    Gelingt dies nicht, so hindert dies die Eltern oftmals, sich auf die Kinder einzulassen, die junge Erwachsene geworden sind und ihren eigenen Weg gehen wollen.
    Stella war doch immer so hübsch, jetzt wird sie immer männlicher... die Frisur, der Kleidungsstil...“, erzählt Henriette weiter.
    In dieser Situation musste sie als Mutter lernen, ihre Tochter in ihren eigenen Entscheidungen loszulassen, und sie durfte auch verstehen lernen, dass sie sich für die Lebensentscheidung ihrer Tochter weder schämen noch verstecken muss.

Aber das Thema betrifft nicht nur die Eltern und ihre Tochter oder ihren Sohn

Ehepaar T. hat über Facebook erfahren, dass der kanpp dreißigjährige Sohn Samuel homosexuell lebt. Er studiert einige hundert Kilometer weit weg von daheim. Sie berichten: “Das ist alles ganz furchtbar für uns! Zusätzlich belastend sind auch die Fragen, die immer mal wieder aus der Verwandtschaft oder der Kirchengemeinde kommen, ob Samuel denn schon eine Freundin gefunden habe.

Was sollen wir da sagen? Wie gehen wir damit um? Können wir uns im Hauskreis öffnen und erzählen, wie es uns geht?“

Von außen kommt für die Eltern also erschwerdend hinzu, dass sie parallel zu ihrem eigenen Prozess, den sie durchlaufen, auch überlegen und abwägen müssen, wie sie innherhalb ihre Familie und ihrem privaten Umfeld mit der Lebensentscheidung ihres Sohnes oder ihrer Tochter umgehen.

„Wann informieren wir die Geschwister? Muss ich von meinem Ältestenamt jetzt zurücktreten? Wenn unser Sohn mit seinem Partner zu Weihnachten zu Besuch kommt und die beiden gemeinsam in seinem Zimmer übernachten möchten, was sagen wir dann?“
Diese und ähnliche Fragen beschäftigen und bewegen die Eltern.

Eltern haben das Recht, zu trauern. Geht die Elternschaft nicht durch die Mitte ihrer Identität? Dürfen Eltern sich nicht nach Jahren, in denen sie viel emotionale Kraft und Lebenszeit in die Erziehung ihrer Kinder investiert haben, fragen, was aus ihren Kindern geworden ist und noch werden wird? Eltern haben das Recht, in ihrer Elternschaft ernstgenommen zu werden und brauchen Zeit, die Lebensentscheidung von Sohn oder Tochter in ihr eigenes Selbstverständnis als Vater und Mutter zu integrieren.

Wir begleiten auch Ehepaare, deren (fast) erwachsene Kinder sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen möchten. Ein Vater ruft an:“ Soll ich meine Unterschrift unter die Einverständniserklärung für die Hormonbehandlung meiner Tochter setzen?“ Wie kann ich das mit meinem Glauben und meinem Gewissen vereinbaren?

Wie kann ich mein verzweifeltes Kind vor Depression und Suizid schützen?“

Wer fühlt mit diesen Eltern? Wer hört erst einmal zu, ohne zu verurteilen, zu werten oder gutgemeinte Ratschläge zu geben?

Wir möchten diesen Eltern ein Zuhause und eine Stütze sein. Wir zeigen: Ihr seid nicht allein! Wir vermitteln und fördern deutschlandweit sowie auch im deutschsprachigen Ausland Kontakte mit anderen betroffenen Eltern.

Und schließlich: einen Weg der gegenseitigen Achtung und Liebe finden

Und nicht zuletzt zeigen wir Möglichkeiten auf, wie es gelingen kann, dass Eltern und Kinder einen gemeinsamen Weg in ihrer Beziehung gehen können, der geprägt ist von Liebe, Achtung und Annahme, aber auch von den Grenzen, die gezogen werden dürfen! Und dabei müssen am Ende beide Seiten lernen, Achtung und Liebe für das Leben des jeweils anderen zu zeigen. Erwachsene Töchter und Söhne müssen mit den Empfindungen, die sie in sich vorfinden und für die sie nichts können, Entscheidungen treffen, mit denen sie die Hoffnung verbinden, glücklich werden zu können. Das müssen Eltern achten. Gleichzeitig haben sich aber auch die Eltern die Empfindungen und Entscheidungen ihrer Kinder nicht ausgesucht. Auch sie dürfen erwarten, dass ihre Kinder ihre Trauer und Fragen aushalten und respektieren, dass sie als Eltern vielleicht andere Werte leben und vertreten – und ihre Kinder trotzdem immer lieben.

Als Nachfolger Jesu sind wir alle gefordert, unser Leben aus Gottes Hand zu nehmen. Das ist schwer, aber auch tröstlich, wenn wir bedenken, dass wir unsere Kinder in Gottes Hand hinein loslassen dürfen. Nur so kann jeder frei werden, von IHM zu empfangen, was ER gibt. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott ausreichend Kraft und Stärke gibt, die ich benötige, um mich jeden Tag neu in der Annahme einzuüben, auch bei den Dingen, die mir schwer fallen.

Henriette hat inzwischen über die Jahre mit vielen Höhen und Tiefen hinweg einen guten und versöhnlichen Weg mit ihrer Tochter Stella, deren Partnerin Conny (inzwischen sind sie verpartnert) und der kleinen Tochter Tilda, die es seit einigen Monaten gibt, gefunden.

Der Schmerz der Mutter bleibt, aber sie hat gelernt, ihn mit Gottes Hilfe in ihr Leben zu integrieren.

Kontakt für betroffene Eltern und Informationen über unser Eltern-Seminar unter : h.wierk-klemm@idisb.de